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Paddock Trail als neue Haltungsform

 

In den USA hat der ehemalige Hufschmied Jaime Jackson mehrere Jahre Wildpferde in Nevada beobachtet. Er folgte ihnen auf ihren Wanderungen und war fasziniert von deren Schönheit und vor allem auch von ihrer Gesundheit und den funktionellen Hufen. Er entwickelte daraufhin ein Haltungskonzept, welches so weit als möglich das natürliche Leben der Wildpferde nachbilden sollte und welches er Paddock Paradise nannte.

 

Die Grundidee des Paddock Paradise ist die Verlagerung des befestigten Paddockbereiches in einen Track um die Weiden herum, um so die natürlichen Wanderungen der Pferde nachzubilden. Die Pferde sollen so viel als möglich laufen und dabei an verschiedenen Stellen langsam Raufutter fressen können. Auf den folgenden Skizzen ist die grundsätzliche Idee dargestellt. Im linken Bild sieht man die übliche Aufteilung eines Offenstalls. Auf einer befestigten Fläche haben die Pferde einen Unterstand, Wasser und eine große Heuraufe. Davor liegt die Weidefläche.


In dem obigen Bild ist die Idee des Paddock Paradise zu sehen. Es führt ein Rundlauf (Track) um die Weide herum. Dieser ist ca. 3–5 m breit und stellt das Herzstück des Paddock Paradise dar. Auf dem Track finden die Pferde in möglichst verteilter Form alles, was sie benötigen. Das sind vor allem eine verteilte Heufütterung und Wasser, aber auch Lecksteine, erhöhte Aussichtsplätze, Sandwälzplatz, Bäume als Schattenspender, natürliche Hindernisse aus Steinen oder Baum­stämmen und natürlich ein überdachter Liegebereich. In Deutschland findet man dieses Offenstallkonzept in der Regel unter der Bezeichnung „Paddock Trail“. Das liegt zum einen an Namensstreitigkeiten um den Begriff „Paddock Paradise“ im europäischen Raum und zum zweiten daran, dass die etwas überschwängliche amerikanische Formulierung vom „Paradies“ in Deutschland nicht so
recht zu passen scheint.


Auf dem Track sollte es möglichst unterschiedliche Böden geben. Dazu kann Sand gehören, Kies oder auch Schotter. Es sollte sich möglichst nach den Böden richten, auf denen die Pferde dann hauptsächlich geritten werden, damit sich die Hufe an die Anforderungen anpassen können. Wenn das Pferd 23 h auf Gras läuft und dann jedoch
zum Ausreiten jeweils eine Stunde auf Schotterpisten geritten wird, ist es voraussehbar, dass die Hufe damit nicht zurechtkommen.


Allgemein ist es wünschenswert, dass der Track möglichst abwechslungsreich gestaltet wird. Sehr gut sind Steigungen und Gefälle, Tracks durch den Wald,
felsige Anteile oder das Überqueren eines Bachlaufs. Hat man sonst gedacht, dass nur eine flache Wiese für die Pferdehaltung geeignet ist, so freut man sich bei einem Paddock Trail über „schwieriges“ Gelände. Auf dem Track befindet sich in der Regel kein Gras. Dieses ist von Jamie Jackson so gewollt, da er der Ansicht ist, dass Pferde größere Grasmengen nicht vertragen können und daher die Gefahr an Hufrehen zu erkranken zu groß ist.
Er empfiehlt die Pferde ein- bis zweimal täglich für eine begrenzte Zeit auf eine Weide zu lassen.


Der größte Bewegungsanreiz wird durch das Heu geschaffen. Die ursprüng­liche Empfehlung zu einem Paddock Trail lautet, dass verschiedene kleine Heuhäufchen entlang des ganzen Tracks verteilt werden. Diese sollen für maximal einen Tag ausreichen und das „fressen und gehen“ der Wildpferde nachahmen. In der Praxis ist diese Art der Fütterung jedoch recht aufwändig, so dass häufig Heunetze verwendet werden, die dann an verschiedenen Stellen des Tracks befestigt sind. Zudem gibt es natürlich viele verschie­dene und phantasievolle Ansätze für Heuraufen.Auf dem folgenden Bild sieht man eine Luftbildaufnahme von dem
Paddock Trail auf Gut Heinrichshof (www.offenstallkonzepte.com/unser-pp).

 

Der Track besteht aus zwei miteinander verbundenen Ovalen. In der Mitte liegen zwei Weiden (Weide 1 und Weide 2), die von den Pferden halbtags genutzt werden können. Oben im Bild liegt der Unterstand mit einem Liegebereich und einer kleinen Sattelkammer. Ganz rechts im Bild ist die frostfreie Tränke. Der Track vor dem Unterstand wurde auf der einen Seite bis zur Tränke und zur anderen Seite bis zum anderen Oval mit Schotter befestigt, so dass die Pferde mehrfach am Tag auf wirklich hartem Untergrund laufen. Um die Tränke wurden Rasen­gittersteine verlegt. Die beiden Ovale sind durch eine Wasserfurt verbunden. Eigentlich war es so geplant, dass die Pferde jeweils durch die Furt laufen müssen, um von einem Track zum anderen zu kommen. Der Alternativweg sollte nur für den Hoftruck und die Einsteller zur Verfügung stehen. Bisher sind aber immer noch beide Wege offen und die Pferde können die Furt nach Belieben zum Baden nutzen, was bei heißem Wetter auch von ca. der Hälfte der Pferde in Anspruch genommen wird.Auf dem vorderen Oval liegen an der linken Seite Baumstämme auf dem Track; auf der rechten Seite wurde ein leichter Hügel eingebaut. Beides dient zur Abwechslung und soll die Fitness der Pferde steigern. Gerne hätten wir von diesen Anforderungen noch mehr eingebaut. Da wir jedoch den Track jeden Tag mit dem Hoftruck säubern, mussten wir die Strecken so gestalten, dass sie befahrbar sind. Das Kraftfutter füttern wir einmal am Tag, jeder Einsteller kann seinem Pferd eine weitere Mahlzeit geben. Zu Beginn haben wir die Pferde dazu alle angebunden. Inzwischen nutzen wir Eimer zum Umhängen. Die Praxis hat gezeigt, dass die Pferde damit zufriedener sind und die Fütterung für uns schneller durchzuführen ist.

 


Auf dem folgenden linken Bild sieht man den Unterstand, auf dem rechten Bild Lecksteine, die wir in einen Haufen Sandsteine eingebaut haben. Das Heu wird an drei überdachten Raufen angeboten. Eine Raufe sieht man im Bild rechts oben.

 

Um das freie Fressen so weit als möglich zu verlangsamen, ist bei zwei Raufen das Heu mit einem engmaschigen Gitter bedeckt und bei der dritten Raufe mit einem engmaschigen Netz. Auf diese Weise müssen die Pferde einzelne Halme zupfen, sind gut beschäftigt und werden trotz 24 h Heu nicht

zu dick. Wir haben auch Versuche gemacht, das Heu dreimal am Tag büschelweise auf dem ganzen Track zu verteilen, wie es Jamie Jackson ursprünglich vorgeschlagen hat. Das Ergebnis war jedoch nicht überzeugend.

 

Die Pferde liefen wie die Staubsauger hinter uns her, haben danach noch eine zweite Fressrunde gedreht und sich dann hingestellt und gewartet, bis es wieder etwas gab. Vielleicht ist unser Track für so eine Heufütterung zu klein und zu überschaubar. Die Heufütterung an den Raufen funktioniert sehr gut. Die Pferde fressen friedlich zusammen und stehen trotzdem nie sehr lange an einer Raufe. Dieses zeigte sich auch bei GPS-Messungen, die wir an mehreren Pferde über jeweils 24 h durchgeführt haben.

 

 

Im folgenden Bild sieht man die Auswertung von „Nugget“. Man erkennt, dass er die zur Verfügung stehenden Flächen sehr gut ausgenutzt und auf dem Track mehrere Runden gedreht hat. Auch kann man den Wechsel zwischen den drei Heuraufen sehen. Insgesamt legte er in 24h 10,56 km zurück.

 

 

Unsere Erfahrungen nach einem Jahr Paddock Trail sind uneingeschränkt positiv. Verglichen mit anderen Offenställen geht es hier sehr entspannt und friedlich zu. Dieses liegt zum einen natürlich an der verteilten und freien Heufütterung. Alle Pferde, auch die rangniederen, kommen problemlos 24h an das Heu heran.

 

 

 

 

Ein anderer Pluspunkt liegt meiner Meinung nach aber auch in der Gestaltung der Tracks. Die Pferde können sich bei Bedarf besser aus dem Weg gehen. Auf einer freien Fläche, auch wenn sie sehr groß ist, besteht immer ein gewisser Konfrontationsdruck (bei neuen Pferden oder bei Pferden, die sich nicht so gut verstehen). Im Paddock Trail sind immer Zäune und damit auch Schutz im Blickfeld. Dieses war in unserer ersten Eingewöhnungszeit sehr deutlich zu beobachten. Wir hatten zeitgleich jeweils 2 befreundete Pferde auf dem Paddock Trail gelassen. In den ersten Tagen sind sie sich problemlos und friedlich einfach aus dem Weg gegangen und erst dann fand eine harmonische und langsame Annäherung statt.

 

Dennoch gibt es auch ein paar Punkte, die wir in unserem zweiten Paddock Trail (der gerade im Bau ist) besser machen möchten. Das ist zum Beispiel die Lage der Wasserfurt. Über die Position von Heu und Wasser kann man die größten Bewegungsanreize setzen. Bei unserem Paddock Trail 1 gehen die Pferde sehr oft zum Trinken nur bis zur Wasserfurt und sparen sich den Weg zur Tränke. Beim neuen Bau haben wir Tränke und Furt nebeneinander im maximalen Abstand zum Heu geplant.

 

Ein anderer Punkt ist, dass man zusätzlich zum schmalen Track auch genügend größere Flächen mit integrieren sollte, auf denen die Pferde Spielmöglichkeit haben. Dieses ist bei unserem ersten Paddock Trail etwas knapp bemessen.

 

Im folgenden Bild sehen Sie die Planung für den Paddock Trail Nr. 2. Die Form sieht ganz anders aus, da wir auf diesen Flächen noch Weiden für andere Pferde zur Verfügung halten müssen. Im vorderen Bereich liegen die Hütten. Wir haben uns dieses Mal für zwei Unterstände entschieden, da sich die Pferde dann bei Bedarf besser aus dem Weg gehen können und wir zudem zwei Windrichtungen berücksichtigen können.

 

Vor den Hütten liegt ein größerer Sandplatz, daran anschließend ein kleiner Teich und ein Hügel. Der gesamte Bereich ist offen gehalten, um den Pferden Platz zum Spielen zu bieten. Dennoch gibt es einen Innenzaun. Dieser soll bewirken, dass die Pferde außen herum auf dem mit Schotter befestigten Track laufen müssen, um dann auf den hinteren Teil zu gelangen. Dort gibt es dann einen weiteren Sandplatz und um die zwei Weiden herum drei Heuraufen.

 

Der zweite Paddock Trail soll Anfang Juli fertig gestellt werden, acht von zehn Plätzen sind bereits reserviert. Diese Form der Haltung kommt bei den Einstellern gut an. Aus meiner Sicht ist es ein Konzept, welches sowohl für die eigenen zwei Pferde am Haus als auch für Pensionsställe wunderbar geeignet ist. Mit relativ wenig Aufwand (hauptsächlich ein paar Zäune und etwas Bodenbefestigung) ermöglicht man den Pferden viel mehr Bewegung und ein entspannendes Miteinander, was sich sehr schnell an mehr Gesundheit bemerkbar macht.

 

Dr. Tanja Romanazzi, THP, Großröhrsdorf