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Das große Knallen
- was tun an Silvester?

 

Es knallt, zischt und stinkt, ein Albtraum für viele Tiere! Jedes Jahr um Silvester häufen sich die Suchmeldungen, weil Tiere in Panik davongelaufen sind, und besorgte Halter fragen sich, wie sie ihrem Vierbeiner über die Angst hinweghelfen können.

Sicherheit

Das Wichtigste ist zunächst, Tiere zu sichern. Spätestens in der Silvesternacht muss die Katze drin bleiben, das Pferd möglichst auch, oder zumindest einen geschützten, beleuchteten Bereich aufsuchen können. Vor allem sollten Sie Ihren Hund nicht ableinen, und zwar auch an den Tagen vor und nach Silvester! Sobald Feuerwerk verkauft werden darf (dieses Jahr ab dem 28. Dezember), lassen gerade Kinder es auch tagsüber knallen, und das so lange nach Silvester, bis alle „Munition“ verschossen ist.

 

Suchen Sie Garten und Weiden am Neujahrstag nach Raketenresten ab und achten Sie beim Hundespaziergang besonders auf Glasscherben!

Wie „funktioniert“ Angst? Eine stark vereinfachte Zusammenfassung

Angst ist eine überlebenswichtige Reaktion auf mögliche Gefahr. Sie ist eine Emotion und damit nicht willentlich steuerbar. Sie entsteht im Zentralnervensystem, genauer im limbischen System. Der Thalamus „sortiert“ eingehende Informationen der Sinnesorgane sehr schnell (aber dafür vage) ein, denn bei Gefahr kann eine blitzschnelle Reaktion überlebenswichtig sein. Er gibt die Wahrnehmung rasch an die Amygdala weiter und langsamer an den Kortex. Die Amygdala beurteilt diese Information sehr schnell und löst bei möglicher Gefahr eine ganze Reihe körperlicher Reaktionen aus – sie verändert beispielsweise die Herzfrequenz, die Atmung, den Wasserhaushalt etc. Die Neurotransmitter (Neurohormone) Noradrenalin und Adrenalin werden freigesetzt, im zweiten Schritt dann Corticoide wie Cortisol.

All das soll das Überleben sichern, indem der Organismus auf Flucht oder Angriff vorbereitet wird. Je nach Art der wahrgenommenen Gefahr und den individuellen Erfahrungen kann das Tier aber auch vor Schreck erstarren.

 

In diesem Alarmzustand des Organismus wird jeder weitere unangenehme Reiz umso wahrscheinlicher als Gefahrensignal eingestuft. Und je länger dieser Zustand andauert, desto länger dauert es auch, bis die Stressreaktionen nachlassen, die Stresshormone abgebaut werden etc. Auch ein Hund, der nicht deutlich Angst zeigt, kann – für uns überraschend – plötzlich doch panisch reagieren. Das liegt an der Anhäufung von Stressoren, von denen jeder für sich noch kein großes Problem darstellen würde (dieses Phänomen kennt man auch als „Trigger Stacking“). Auf gut Deutsch – der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, ist genauso groß wie alle anderen Tropfen vorher, aber das Fass ist jetzt eben voll … Deshalb: Bitte sichern Sie Ihren Hund, auch wenn er keine deutlichen Anzeichen von Angst zeigt! Der nächste Böller könnte einer zu viel sein, die nächste Hundebegegnung ihn endgültig überfordern.

Was ist nun gerade an Silvester so schlimm?

Die ersten „Trigger-Tropfen“ fallen schon Tage vor Silvester ins Fass. Es ist Weihnachten – wir bekommen Besuch, alles ist anders, vielleicht auch trubelig (oder es wird gar gestritten). Oder wir verreisen, übernachten in fremden Räumen, laufen durch eine fremde Umgebung. Tiere können es auch in der gewohnten Umgebung als sehr stressend empfinden, wenn sich der Tagesablauf plötzlich verändert, weil wir Urlaub haben. Genau wie alle anderen, so dass einem auch auf vertrauten Spazierwegen plötzlich Freizeitsportler und Hunde begegnen, die da noch nie waren.

 

Dann kommen die typischen Silvester-Geräusche hinzu. Von dem Tag an, da Feuerwerk verkauft werden darf, knallt es ständig irgendwo. Stresshormone können gar nicht so schnell abgebaut werden, wie es schon wieder kracht, und siehe oben – jeder weitere Reiz wird umso stärker wahrgenommen. Ein Knall ist jetzt also nicht mehr ein Tröpfchen, sondern gleich fünf …

 

Obendrein ist die Gefahr für den Hund nicht zu orten. Gerade in der Stadt ist durch das vielfache Echo von den Häuserwänden der Ursprung des erschreckenden Geräuschs nicht auszumachen. Nicht zu wissen, woher Gefahr droht, fühlt sich schlimm an, weil das Nervensystem z.B. keine blitzschnelle Entscheidung darüber treffen kann, wohin die Flucht gehen sollte. Bei vielfachem Geknalle ist es damit sowieso vorbei, das Tier ist vollkommen hilflos ausgeliefert.

 

Auch zischende Geräusche sind ein natürliches, im Lauf der Evolution verankertes Warnsignal in dem Sinne, dass sie gar nicht erst durch Erfahrung mit unangenehmen Folgen verknüpft werden müssen, um Angst auszulösen. (Wie viele Menschen reagieren auf „klein, dunkel, haarig und huscht auf zu vielen Beinen vorbei“ schreckhaft, ohne je von einer Spinne attackiert worden zu sein?) Pfeifende Geräusche hören Hunde ganz besonders deutlich, daher verwendet man ja Pfeifen zur Signalgebung. Ein wahres Horrorkonzert! Hinzu kommt der Gestank nach Feuer und Schwefel, ebenfalls instinktive Gefahrenzeichen. Und dann noch die Menschen, die feiern, brüllen, tanzen, trinken und sich aus Hundesicht insgesamt sehr, sehr merkwürdig verhalten!

Angst ignorieren?

Oft hört man leider immer noch den Ratschlag, man solle die Angst des Hundes ignorieren, weil man ihn durch Trösten nur darin bestätigen würde. Das ist schlicht Unsinn! Angst ist eine Emotion. Durch angenehme oder unangenehme Konsequenzen wie Belohnung (Aufmerksamkeit) oder Strafe kann nur Verhalten beeinflusst werden, nicht aber Emotionen. Lassen Sie sich von solchen längst überholten „Ratschlägen“ nicht verunsichern.

Dem Hund in seiner Angst beizustehen, ihn nicht damit allein zu lassen, wäre eigentlich unser natürlicher Impuls,  und dass das ganz richtig ist, wurde inzwischen vielfach wissenschaftlich bestätigt.

 

„In der Verhaltensbiologie gibt es für das Phänomen des Tröstens einen Fachausdruck, Social Support! Das bedeutet "Soziale Unterstützung" und ist eines der Kriterien für kooperatives Verhalten in Gruppen. Menschen zeigen dieses Verhalten, aber auch viele andere Tiere, die in Gruppen leben, sind dazu fähig, geben und holen sich Social Support. Social Support bedeutet, Gruppenmitgliedern in stressenden Situationen durch körperliche Nähe und Zuwendung zu helfen. Körperliche Nähe und Zuwendung durch Bindungspartner senkt Blutdruck, Herzfrequenz und Spiegel der Stresshormone, und hilft, beängstigende Situationen besser zu bewältigen. Würde Social Support zu einer Verschlimmerung von Angstzuständen führen, hätte sich dieses sozio-positive Verhalten im Verlauf der Entwicklungsgeschichte nicht erhalten können! Keine Gruppe kann es brauchen, dass ihre Mitglieder immer ängstlicher werden.“

Dr. Ute Blaschke-Berthold

 

(Den gesamten Text können Sie hier nachlesen: https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=10150546279135987&id=176432610986)

 

Natürlich kann man den Hund zusätzlich verunsichern, wenn man selbst ständig nervös zum Fenster läuft, ihn permanent besorgt anstarrt oder ihn auf eine Art zu trösten versucht, die er eigentlich nicht so mag, indem man sich über ihn beugt, ihm z.B. von oben den Kopf tätschelt oder jovial auf die Rippen klopft. Problematisch daran ist aber, dass der Hund diesen Reiz als unangenehm empfindet, und nicht die Zuwendung an sich!

Was kann man tun?

Wenn der Hund noch keine Angst zeigt, sollte man sich schon in den Tagen vor Silvester mit besonders tollen Leckerli ausrüsten und dafür sorgen, dass der Hund die Knallerei positiv verknüpft. Wenn es sofort nach jedem Böller ein Leckerli gibt (oder das Lieblingsspielzeug fliegt), wird der Krach zur Ankündigung von angenehmen Dingen.

 

Kann der Hund kein Futter mehr nehmen oder interessiert sich nicht für Spielzeug, ist es dafür zu spät, es ist schon ein gewisses Maß an Angst aufgekommen. Dann kann man versuchen, ihm mit vertrauten Übungen oder Tricks ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln – wenn er z.B. „Sitz“ hört, weiß er immerhin, was er jetzt tun sollte, er bekommt eine Handlungsmöglichkeit (und wird dafür natürlich toll belohnt). Wenn er ein erlerntes Verhalten jetzt nicht ausführen kann, ist er nicht etwa „ungehorsam“, sondern schon zu verängstigt!

 

Social Support bedeutet in erster Linie, körperliche Nähe und Zuwendung anzubieten. Wenn der Hund sich an Sie drängt oder auf Ihrem Schoß sitzen möchte, wunderbar! Beobachten Sie, ob er Berührungen Ihrerseits – ruhiges Streicheln, Kraulen – in dieser Situation wohl angenehm findet. Rufen, locken Sie ihn zu sich. Verkriecht er sich zitternd unter dem Tisch, setzen Sie sich zu ihm, aber bedrängen Sie ihn nicht. Wenn er einen Rückzugsort wie eine Hundebox von sich aus aufsucht und sich darin ruhiger verhält, ist das großartig – bleiben Sie in seiner Nähe, nehmen Sie hin und wieder kurz Blickkontakt auf. Zeigt er aber Anzeichen von Angst (Zittern, Hecheln ...), setzen Sie sich zu ihm! Wenn er einen solchen Rückzugsort nicht hat, ist es sinnvoll, ihm einen anzubieten, etwa eine Hundebox mit weichem Kissen, in der man sich noch geschützter fühlen kann als unter dem Tisch. Sucht er Zuflucht im Bad oder einem anderen fensterlosen, etwas schallgeschützteren Raum, bleiben Sie auch hier bei ihm.

 

Es gibt noch andere Möglichkeiten, als sich zu Hause zu „verkriechen“ – manche Hundehalter verbringen diese lauten Tage auf Inseln, wo aus Umweltschutzgründen gar kein Feuerwerk abgebrannt werden darf. Ich kenne Menschen, die sich abends mit dem Hund ins Auto setzen und bis ein Uhr nachts die Autobahn auf und ab fahren, oder sich in einem Flughafenhotel einmieten, weil diese Gebäude sehr gut schallgedämmt sind und an Flughäfen natürlich keine Raketen steigen dürfen.

Trotzdem würde ich, wenn der Hund Angst zeigt, fürs nächste Jahr systematisches Training auf den Plan setzen, mit dem man dem Hund wirklich helfen kann. Wenden Sie sich z.B. an eine der IBH-Hundeschulen oder TrainerInnen des CumCane-Netzwerks, die ein spezielles Geräuschangst-Training anbieten.

Was kann man geben?

Futterzusätze: Pferden und Hunden kann man beruhigende Kräuter direkt verfüttern oder als Teeaufguss zum Futter geben, z.B. Hopfen, Lavendel (auch Blüten), Melisse oder Baldrian. Die Aminosäuren L-Theanin und L-Tryptophan mindern bei Hunden erwiesenermaßen Stressreaktionen und Angst. Sowohl die Kräuter als auch die Aminosäuren werden inzwischen in vielen unterschiedlichen Produkten angeboten. Unterstützend für das Nervensystem wirken außerdem die B-Vitamine, die man z.B. in Form von Bierhefe geben kann.

 

Ätherische Öle: Auch der Duft einiger Kräuter in Form ätherischer Öle kann auf Hunde und Pferde angstlösend wirken, z.B. Lavendel (http://www.artgerecht-tier.de/kategorie/hunde/beitrag/der-lavendel.html), Baldrian, Kamille, Vetiver oder auch Zitrone. Geben Sie einen Tropfen des reinen Öls auf ein Tuch und legen Sie es in die Nähe Ihres Tieres. Beobachten Sie, ob es den Duft als angenehm empfindet, ehe Sie es dem Geruch länger aussetzen! Wenn Ihr Tier den Duft augenscheinlich angenehm und entspannend findet, können Sie das ätherische Öl auch mit Mandel- oder Olivenöl (zur Not tut es auch Salatöl!) mindestens 1:10 verdünnen und einen Tropfen der Mischung auf der Brust verreiben.

 

DAP, kurz für Dog Appeasing Pheromone, ist die künstliche Nachbildung eines Pheromons (Botenstoff), das die Hündin nach der Geburt am Gesäuge absondert. Es wirkt bei vielen, auch erwachsenen Hunden beruhigend und entspannend. Leider nicht bei allen, das muss man ausprobieren. Es ist unter der Bezeichnung „Adaptil“ als Spray, Halsband oder Zerstäuber für die Steckdose erhältlich. Das Spray ist deshalb empfehlenswert, weil es am flexibelsten ist – zum „Mitnehmen“ kann man es für den Hund auch auf ein Halstuch sprühen (vor dem Anziehen erst ein paar Minuten den Alkohol verfliegen lassen!). Das Pendant für Katzen wird unter der Bezeichnung „Feliway“ vertrieben.

 

Das Thundershirt, eine Art straffes T-Shirt mit Klettverschlüssen, hat sich bei Hunden vielfach bewährt. Durch den leichten Druck auf den Körper wird unter anderem Oxytocin freigesetzt, das beruhigend und entspannend wirkt – Eltern kennen das Prinzip vielleicht vom „Pucksack“. Man sollte den Hund allerdings vorher an das Shirt gewöhnen, vor allem an die Klettverschlüsse, die beim Öffnen recht laut sind.

 

Auch mit Homöopathie und Bachblüten kann man Tiere bei Angstproblematik sehr gut unterstützen! Mehr dazu im Artikel von Katrin Ehrlich: http://www.artgerecht-tier.de/kategorie/hunde/beitrag/homoeopathie-fuer-die-silvesternacht.html

 

Zum Thema „Abbau von Stress und Angst“ bei Hunden wird Ihnen demnächst Ulrike Seumel (Dog it Right) in einem ausführlichen Artikel viele Möglichkeiten aufzeigen.

 

Ich wünsche Ihnen und Ihren Tieren ein stressarmes Silvesterfest und alles Gute im neuen Jahr!

 

Katharina Volk, München

 

Literatur

Heike Westedt Schreck lass nach! Der Einfluss von Stress und Angst auf Gehirn und Verhalten. Edition Cum Cane 2013, ISBN 978-3-940083-005

 

Anders Hallgren Stress, Angst und Aggression bei Hunden: Vorbeugen und abbauen. Cadmos Verlag 2011, ISBN 978-3-840489-037

Links

Deutschland

IBH – Internationaler Berufsverband der Hundetrainer: http://www.ibh-hundeschulen.de/hundeschulen/deutschland.html

CumCane-Netzwerk: http://www.cumcane.de

Schweiz

Netzwerk cumcane familiari: http://www.cumcane-familiari.ch/zert-trainer-innen-1/

 

Webinare (Online-Seminare) u.a. von Dr. Ute Blaschke-Berthold und Nicole Wilde zum Thema Angst: http://www.dog-ibox.com/index_default.php