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Saatgut für Pferdeweiden und Wiesen Teil 2
- der Königsweg

Im Naturschutz können sich die Pflanzen ungehindert vermehren, denn die Anzahl der Fresser orientiert sich an dem, was im Winterhalbjahr den Tieren an Futter zur Verfügung steht. Dieser Halbtrockenrasen blüht und samt im Hochsommer ungehindert und sorgt für eine ständig prall gefüllte Samenbank des Bodens.

Der Königsweg: Kein fremdes Saatgut

 

Bevor wir uns mit handelsüblichem Saatgut beschäftigen, sollten wir innehalten. Das Grasland, das viele von uns Pferdehaltern nutzen, ist wertvoller, als den meisten bisher bewusst ist.

 

Traditionelles, artenreiches Grasland aus alten Kultursorten oder Wildpflanzen wird immer seltener. Es ist aber die gesunde Nahrungsgrundlage unserer Pferde und anderer traditioneller Weidetiere, seit Menschengedenken. Heute gilt mehr denn je, dass das Neue keineswegs besser sein muss als das erprobte Alte.

 

Blühende Pferdeweide zu Beginn des Sommers. Zu den früh blühenden Gräsern, die als erstes zum Absamen kommen, gehören das Honiggras (Holcus lanatus) und das Wiesen-Rispengras (Poa pratensis).

 

Unsere landwirtschaftlichen Vorfahren wussten das. Ein Fehlgriff konnte den Ruin eines Hofes bedeuten – und damit das Aus für die Lebensgrundlage von Generationen einer Familie. Sprichwörtlich vorsichtig war der Bauer: „Wat de Bur nich kennt, dat fret he nich.“ (Was der Bauer nicht kennt, dass frisst er nicht.) Die Bauern aßen es nicht nur nicht, sie kauften auch nichts, was ihre Vorfahren nicht erprobt hatten. Die Bauern waren extrem „konservativ“. Es kam nur ins Haus, was seit Generationen auf Herz und Nieren erprobt war. Ein Beispiel für das Misstrauen der Bauern ist die Kulturgeschichte der Kartoffel aus Amerika.

 

Viele erprobte, traditionelle Grünlandstandorte sind für die moderne Landwirtschaft nicht mehr gewinnbringend und werden an Pferdehalter abgegeben. Hierzu gehören Hanglagen, felsige Untergründe, humos-tiefgründige Feuchtwiesen, Überschwemmungsbereiche ebenso wie Trockenstandorte. Alles, was nicht ackerfähig ist und auch nicht zur Bearbeitung mit modernen Maschinen für Hochleistungsgräser geeignet, scheidet aus – vorausgesetzt, es wird nicht aufgeforstet oder als Bauland ausgeschrieben.

Das Problem: Zwar sind die Aufwüchse dieser Standorte meistens für Pferde geeignet. Pferde sind für viele dieser Standorte aber aufgrund ihres Gewichts und ihrer Bewegungsfreudigkeit die falschen Weidetiere. Nicht wenige dieser Standorte waren ursprünglich überhaupt keine Weiden, sondern Mähwiesen für Heu – sie vertragen keinen Vertritt und intensiven Verbiss. Doch auch uralte Weidestandorte werden von Pferden heute oft völlig ruiniert, da den Pferdehaltern das Verständnis für ihr Ökosystem fehlt. Sie sind nicht damit groß geworden, sie sind nicht in diese Tradition hineingewachsen. Daher wollen wir in diesem Teil der Saatgut-Serie nachvollziehen, wie unsere Vorfahren diese Grünländer ohne fremdes Saatgut erhalten konnten – nachweislich oft über mehrere Jahrhunderte wie beispielsweise im dänischen Bjergskov bei Aabenraa knapp nördlich der deutsch-dänischen Grenze.

Was ist nachhaltige Graslandwirtschaft?

Würde man den Prospekten und Beratern einiger Saatgutanbieter glauben, dann könnte man auf die Idee kommen, mindestens jährliche Reparatursaat, Übersaat oder Nachsaat stellten eine ordnungsgemäße Landwirtschaft dar. Ab und an eine komplette Grünlanderneuerung (Neuansaat) inbegriffen. Doch was sagen anerkannte Experten dazu? Schauen wir einmal in das Buch über Kulturgrasland von Prof. Dierschke und Dr. Briemle (2002), dann lesen wir dort:

Die Uniformierung und damit auch Belastung des Ökosystems Grünland hat im Zuge dieser Intensivierung erheblich zugenommen. Nicht nur in den regenreichen steilen Lagen ist die hohe Besatzdichte, wie sie zum Beispiel mit intensiven Umtriebsweiden oder gar mit der Portionsweide praktiziert wird, häufig Ursache für die Beschädigung der Graslandnarbe. Lücken in der Vegetation und Verunkrautung müssen dann mit Nachsaaten oder Graslanderneuerung kostspielig repariert werden. Häufige Graslanderneuerung ist daher nicht als eine ordnungsgemäße und nachhaltig betriebene Graslandwirtschaft anzusehen.

Eine nachhaltige Wirtschaft schont die Ressourcen, damit diese sich selbst erneuern können. Viele Gräser und Kräuter können sich vegetativ erhalten und verbreiten, also über Wurzeln, Sprosse oder andere Pflanzenteile. Einige müssen jedoch regelmäßig Samen bilden, sollen sie nicht aussterben. Auf nicht verunkrauteten Weiden und Heuwiesen sollte daher ein Absamen der wichtigsten Arten wenigstens alle drei Jahre möglich sein. Diese Samen bilden im Oberboden die sogenannte „Samenbank“, die entstehende Lücken in der Natur sofort wieder schließt. Sobald Licht auf den Boden fällt, weil die Vegetation darüber ihn nicht mehr beschattet, keimen die ruhenden Samen. Die meisten Samen sind nur kurze Zeit keimungsfähig, manche nur wenige Monate. Die Samenbank muss daher ständig erneuert und aufgefrischt werden.

 

Diese Pferde weiden in der Sommerhitze den grünen Unterwuchs einer abgesamten, überständigen Pferdeweide. Im Schutz der Vegetation können weder Wind noch Sonne den Boden so gnadenlos austrocknen wie auf den abgenagten Flächen auf den Nachbarhöfen. Während dort kein Futter mehr nachwächst, hat dieser Hof reichlich Futter auf seiner Weide.

 

Die Pflanzen haben Strategien entwickelt, damit ihre Blüten und Samen nicht gefressen werden. So ist der Halm des Kammgrases extrem hart und ligninreich (Lignin = Holzstoff). Dadurch ist der schwer verdauliche Halm dieses Grases unattraktiv. Das Vieh frisst nur die schmackhaften Blätter und lässt den Halm stehen. Das Gras gelangt zur Blüte und zum Absamen. Wer nun die extensive Weide regelmäßig nachmäht oder mulcht, wird dieses Gras verlieren. Ohne Samen kann sich Kammgras auf Dauer nicht halten. Kammgras ist heute im Grasland selten geworden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Heute auf Pferdeweiden selten, doch vor wenigen Jahrzehnten noch ganz normale Futtergräser:

Kammgras (rechts)

Zittergras (unten links) und

Ruchgras (unten rechts).

Diese Gräser bevorzugen ärmere, oft trockene Böden und extensive Nutzung.


Fotos: R. Vanselow

 

 

Die Bereiche, die zum Absamen aus der Beweidung vorübergehend ausgenommen sind, können später genutzt werden: Entweder erntet man das überständige Heu für Robustpferde, oder aber man lässt den Aufwuchs stehen und beweidet ihn. Selbstverständlich kann man das abgesamte Material auch mulchen und als Düngung der Fläche verwenden, um den dann nachwachsenden jungen Aufwuchs zu beweiden.

 

Heu eines Halb-Trockenrasen, erster Schnitt im August. Ruchgras, Kammgras und Rotschwingel dominieren. Da nur höchstens ein Fünftel der Biomasse dieser Standorte oberirdisch ist, kommt es nicht zum Lagern und Verschimmeln des schütteren Aufwuchses.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese Trakehnerstute und ihr Gesellschaftsshetty fressen gemeinsam das Heu aus der vorigen Abbildung. Mit diesem energiearmen Heu als Grundfutter ganztägig zur freien Verfügung können auch so unterschiedliche Pferdetypen eine Lebensgemeinschaft bilden. Die Pferde werden über eingeweichtes Kraftfutter aus umgehängten Eimern bedarfsgerecht zugefüttert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Boden, in dem genug Samen und Wurzelreste sind, kann auch von Wildschweinen gepflügt werden, ohne dass die Lücken unbewachsen bleiben. Wildschweine und Wühlmäuse dienen in der Natur der Lockerung und Durchmengung des Bodens und der Steigerung der Artenvielfalt. Leider entsprechen die Veränderungen in der Vegetation, die diese Tiere herbeiführen, selten den Vorstellungen moderner Landwirtschaft. Im Naturschutz sieht das ganz anders aus. Manche Pflanzen wie der Kleefarn sind offenbar sogar auf tiefgründige Schweinesuhlen angewiesen. Kleefarn hatte sein letztes Vorkommen in Bayern auf Schweineweiden. Nach der Verbannung der Schweine in riesige Mastanlagen ist er bei uns verschwunden. Mit den Hausschweinen in der Weidelandschaft ist auch ihr Ökosystem (siehe: "Freilebende Koniks, Teil 5: Wie gestalten die freilaufenden Koniks und andere Tiere der europäischen Savanne ihre Umgebung?") nun Vergangenheit.

 

Wildschweine haben Weideflächen im Naturschutz durchpflügt. Kein Problem, die Samenbank ist gefüllt und Wurzelreste vorhanden. Die Vegetation regeneriert sich von alleine, sobald es wärmer wird. 

Woher eigenes Saatgut nehmen?

Vielfach wollen Pferdehalter gutes Grasland auf neu erworbenen Ackerflächen anlegen. Unsere Vorfahren haben meistens die Begrünung der Natur überlassen, indem sie die Brache liegen ließen und dann anfingen, das, was wuchs, zu beweiden und nachzumähen. Auch im Ackerland war damals die Samenbank im Boden noch so gut gefüllt, dass jede Menge Ackerunkraut und Wildgräser keimten. Die Nutzung sorgte dann für die Selektion auf die Pflanzen, die geeignet waren. Melden, Mohn und Kamillen mögen Schnitt und Konkurrenz nicht. Sie verschwinden nach kurzer Zeit. Nach und nach siedeln sich weidetaugliche Gräser und Kräuter an.

 

Am Rande des Rapsfelds, wo nicht so viel Pestizide eingewirkt haben, hat sich ein Blühsaum aus Kamillen und Mohn eingestellt, zur Straße hin folgt Glatthafer.

 

Der Nachteil: Heute ist die Samenbank weitgehend leer. Die Begrünung dauert dann lange. Mancherorts zu lange. Wo Giftpflanzen wie das Jakobs-Kreuzkraut massenhaft in der Nachbarschaft stehen, muss die Vegetation so schnell wie möglich eine geschlossene Gesellschaft bilden.

 

Kleine Flächen kann man mit dem ausgefallenen Samen vom Heuboden ansäen. Auch das haben unsere Vorfahren getan. Aber sie kannten auch die Nachteile: Sind Unkräuter wie Distel, Ampfer & Co. im Heu, dann sät man diese mit aus. Honiggras samt früh und ist in dieser Saatgutquelle oft überproportional vertreten. Allerdings stehen viele Freizeitpferde auf dieser heute oft als „Ungras“ beschimpften Futterpflanze durchaus satt und gesund. In sofern ist dieser Same keineswegs nur negativ zu betrachten. Früher waren Honiggraswiesen weit verbreitet und zählten vielerorts zu den wertvolleren Flächen. Auch Samen von Schafgarbe, Spitzwegerich oder Pastinake können überproportional im Saatgut aus Heu vertreten sein. Was in geringen Anteilen sehr erwünscht ist, kann bei Massenaufwüchsen zur Ernüchterung führen. Die Pferde lieben diese Monokulturen einzelner Kräuter nicht. Bevor man Samen aus Heu verwendet, sollte man also die Heuquelle sehr gut kennen. Ist die Artenzusammensetzung der Fläche ungeeignet, kann man den Samen aus dem Heu nicht verwenden. Das gilt umso mehr, falls Gräser darin vorkommen, die mit giftigen Endophyten infiziert sind.

 

Wer selber Heu mäht, kann Samen von Flächen mit geeignetem Bewuchs vom Mähwerk abfegen und sammeln. Auch hier kommen nur Mengen für kleine Flächen zusammen.

Weiterhin kann man spät geerntetes Heu auf den Flächen verfüttern, die man ansäen oder artenreicher machen möchte. Samen fallen aus, werden vom Huftritt oberflächlich eingebracht oder an den Boden gepresst. Vorhandene Vegetation wird durch Vertritt an Futterstellen zurückgedrängt. Ständiges Wechseln der Futterplätze kann größere Flächen mit Samen abdecken. Statt Heu zu verfüttern, kann man auch vorhandenes Heu ausstreuen. Das organische Material hilft dann gleich, die Humusschicht aufzubauen. Egal ob verfüttert oder ausgestreut, falls unerwünschte Pflanzen im Material vorhanden waren oder einzelne Pflanzen massenhaft vorliegen, spiegelt sich das im erzeugten Aufwuchs. Oft kann man noch mehr als zehn Jahre später auf Weiden sehen, wo einmal verunkrautetes Heu verfüttert wurde. Hahnenfuss, Brennesseln, Schafgarbe oder Spitzwegerich in kreisförmigen Massenaufwüchsen verraten es.

Professionelle Methoden auf größeren Flächen

Im Naturschutz stellt sich die Frage der Begrünung großer Flächen mit regionalem Wildsaatgut selbstverständlich auch. Hier wurde bereits viel versucht, verworfen, überdacht und veröffentlicht. Selbstverständlich schaut man zuerst zurück, wie es denn früher gemacht wurde.

Traditionell

Hier können wir ganz klassisch auf den Begründer der modernen Agrarwissenschaften Albrecht Daniel Thaer zurückgreifen. Hier einmal gemäß seiner „Grundsätze der rationellen Landwirthschaft“ die Methode zusammengefasst:

 

Eine nachhaltig bewirtschaftete Wiese oder Weide benötigt kein zusätzliches Saatgut (Reparatur-, Nach-, Übersaat). Im Gegenteil: Saatgut, das nicht von diesem Standort selbst stammt, ist möglicherweise genetisch an die gegebenen Bedingungen nicht optimal angepasst. Diese Beobachtung hatte Thaer bereits gemacht und schreibt (Bd. 3 § 323 S. 249 ff.) über die „künstliche Grasbesamung“ (d. h. Neuansaat von Wiesengräsern), dass man das „gerechte Verhältnis“ der Wiesenpflanzen unter einander und zum Boden treffen müsse. Bei dem gerechten Verhältnis handelt es sich v. a. um das Verhältnis der Ober- zu den Untergräsern sowie der frühblühenden zu den spätblühenden Gräsern. Die besten Erfolge erzielte Thaer, indem er den Samen an Ort und Stelle von Wiesen gleicher Natur nahm. Besonders schlechte Ergebnisse wurden dagegen mit Saatgut von Saatguthändlern aus dem Tiefland erzielt. Thaer empfiehlt daher für die Anlage von Dauergrünland (weder Futterkrautbau noch Grasfeldwirtschaft verdienen nach seiner Überzeugung diesen Namen):

  • Eine Spender-Wiese mit vorzüglichem Grasaufwuchs suchen, die die gleiche Grundbeschaffenheit, also insbesondere Humusgehalt und Feuchtigkeit, aufweist wie die Empfängerfläche.
  • Reinigung der Spenderfläche von jeglichem Unkraut. Düngung dieser Samenschule zur Stärkung der Gräser. Wenn die frühblühenden Gräser reifen, teilweise die Spenderfläche mähen, möglichst wenig verarbeiten und das Heu abräumen. Den anderen Teil mähen, wenn die spätblühenden Gräser reifen, und das Mähgut ebenso behandeln.
  • Das Heu beider Teile vermengen, in der Dreschtenne ausschlagen und mit dieser Spreu die Empfängerfläche ansäen. Rotklee muss durch frühen Schnitt vor seiner Blüte in Schach gehalten werden, bis die später erstarkenden Gräser seine Lücken füllen.

Erfahrungen im modernen Naturschutz

Im Naturschutz darf kein Zuchtsaatgut verwendet werden. Das Bundesnaturschutzgesetz schreibt die Verwendung von Wildsaatgut aus regionalen Herkünften vor, um eine genetische Verfälschung der heimischen Flora zu verhindern. Eine Wildpflanze aus Schleswig-Holstein, sagen wir ein Bergsandglöckchen, mag äußerlich einem Bergsandglöckchen aus Bayern vollständig gleichen. Dennoch unterscheiden sich die Pflanzen genetisch, weil sie sich über sehr lange Zeit an spezielle Standorte angepasst haben. Man spricht von sogenannten Ökotypen. Im Naturschutz gilt es diese Ökotypen als genetische Vielfalt, aber auch als die an den Standort am besten angepasste Art zu erhalten. Aus diesem Grunde experimentiert der Naturschutz seit langem mit unterschiedlichsten Methoden, um solche an regionale Besonderheiten angepasste Vegetation von Spenderflächen oder als Wildsaatgut nach gezielter Vermehrung auf Empfängerflächen zu übertragen.

 

Eine Methode, die oft angewendet wird, ist die Saatgutübertragung. Ähnlich wie Thaer es empfiehlt, wird eine geeignete Spenderfläche in der direkten Nachbarschaft gesucht. Auf entsprechendem Boden mit vergleichbaren Wasserverhältnissen bei entsprechender Witterung soll die Spenderfläche den gewünschten Aufwuchs (Vegetation) aufweisen. Der Aufwuchs der Spenderfläche wird gemäht, wenn die überwiegende Zahl der Pflanzen am Samen ist. Das Mähgut wird direkt auf einen Miststreuer geladen und sofort zur Empfängerfläche gefahren, wo der Aufwuchs mit dem Miststreuer ausgebracht wird. Versuche mit Ausbringen und / oder Mähgut auf der Empfängerfläche wenden und / oder Mähgut nach einer Weile wieder abräumen, um die Keimlinge nicht zu beschatten, haben folgende Erkenntnisse gebracht:

  • Das Mähgut sollte 5-10 cm dick ausgebracht werden. Diese Schicht schafft ein geeignetes Mikroklima an der Bodenoberfläche, das für die Keimlinge am günstigsten ist. Wind und Sonne können nicht direkt angreifen. Temperaturen und Feuchtigkeit bleiben in einem günstigeren Bereich als ohne diese Schicht. Zwar keimen weniger Samen als bei nachträglicher Entfernung des Mähguts. Die Keimlinge, die sich durchsetzen, sind aber kräftiger. Im Endeffekt überleben daher mehr Keimlinge mit liegengebliebenem Aufwuchs, als ohne.
  • Wenden oder Rühren scheint nicht sinnvoll zu sein. Der kompostierende Aufwuchs liefert zudem gleich den humosen Oberboden für den neu geschaffenen Standort. Gehäckseltes Material ist leichter mit einem Miststreuer auszubringen als lang geschnittenes. Zudem geht der Abbau zu Humus umso schneller, je kleiner die Pflanzenteile sind. Eine Zusammenfassung der Erfahrungen bietet das Handbuch von Dr. Anita Kirmer und Prof. Dr. Sabine Tischew (2006).

Aktuelle Entwicklungen

Viele Pferdehalter kennen das Mulchgerät „Amazone Grashopper“, mit dem Geilstellen gemulcht und Pferdeäppel aufgesammelt  werden, so dass man alles zusammen als Komposthaufen ansetzen kann. Dieser Mulcher zerkleinert das Material, nimmt auch etwas Oberboden mit auf und fängt alles in einem Behälter auf. Der Boden enthält die für die Kompostierung nötigen Mikroorganismen, aber auch niedergefallene Samen. Neue Versuche im Naturschutz zeigen, dass die Übertragung des Aufwuchses von Spenderflächen auf Empfängerflächen, beispielweide in Heidestandorten, mit diesem Gerät besonders gut gelingt.

 

In Schleswig-Holstein läuft seit 2015 ein Projekt zur Erhöhung der Artenvielfalt auf Pferdeweiden durch die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein. Leider wird bei den Spenderflächen überhaupt nicht darauf geachtet, ob möglicherweise mit giftigen Endophyten infizierte Gräser darauf vorhanden sind. Der an sich gute Gedanke könnte somit auch zur großflächigen Durchseuchung bisher guter Futtergrundlagen führen. Das Thema Endophyten ist in den Köpfen noch nicht angekommen. Immerhin hat das Thema Gräser-Endophyten im Abschnitt „Problempflanzen“ in das gerade erschienene Buch „Naturnahe Beweidung und Natura 2000 – Ganzjahresweide im Management von Lebensraumtypen und Arten im europäischen Schutzgebietssystem Natura 2000“ Eingang gefunden.

 

Eine sorgfältige Prüfung von traditionellen Grünlandstandorten ohne moderne Wirtschaftsgräser praktiziert der Nabu Oberberg. Hier geht es um Heu aus artenreichen Kräuterwiesen für Pferde und Kleintiere. Für die vom Nabu Oberberg verwendeten Flächen wurden bei Beginn des Projektes Vegetationsaufnahmen und vom Heu Laboranalysen gemacht. Diese Aufwüchse wären theoretisch auch als Spenderflächen zur Saatgutübertragung geeignet. Die von der Ernte bis zum Verkauf genau überprüften, gemessenen Ballen haben jeder Einzelne einen Laufzettel, mit dem sich die Fläche, der ausführende Landwirt, die gemessenen Feuchtegehalte und Temperaturen auf dem Feld und im Lager etc. zurückverfolgen lassen. Dieser sorgfältige, arbeitsaufwändige Umgang mit dem wertvollen Aufwuchs zahlt sich aus. Das Heu vom Nabu Oberberg ist inzwischen sehr gefragt.

 

Dieses Heu-Projekt hilft Tierhaltern, Landwirten und der Natur gleichermaßen. Entsprechend sorgfältig geplante und durchgeführte Projekte zur Saatgutübertragung wären wünschenswert.

 

Dr. Renate Vanselow, Dipl.-Biologin

Literatur

Dierschke, H. und Briemle, G. Kulturgrasland - Wiesen, Weiden und verwandte Staudenfluren. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2002

 

Kirmer, A. und Tischew, S. Handbuch naturnahe Begrünung von Rohböden. Verlag Teubner 2006 http://link.springer.com/book/10.1007/978-3-8351-9030-6

 

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie über Saatgut! Lesen Sie hier Teil 1:

Saatgut für Pferdeweiden und Wiesen Teil 1 - gibt es ein Problem?