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Saatgut für Pferdeweiden und Wiesen Teil 3
Wirtschaftsgräser der Vergangenheit

Teil 3 der Saatgut-Serie

Unsere Vorfahren gaben Gräsern, die sie für eine gute Futtergrundlage hielten, die Namensbezeichnung „Meddel“: Große Meddel (Rasenschmiele). Foto: R. Vanselow. 

 

Vor ein paar Jahren wandte sich eine alte Dame der Freizeitreiterei und Pferdehaltung an mich, die ich als Autorin sehr schätze. Sie wollte ihren Pferden und Eseln etwas Gutes tun und endlich „vernünftiges Gras“ auf ihre Weiden zaubern. Ich habe sie gefragt, ob das Grasland denn völlig verunkrautet wäre? Oder ob die Tiere krank würden? Nein, sie hatte weder Unkraut noch kranke Tiere. Es stellte sich heraus, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte. Die Weide war seit Jahrzehnten so, sie hatte da nie groß etwas „dran gemacht“. Eine dünne Schicht humosen Bodens über felsigen Hängen als Untergrund charakterisierte den Standort. Der Bewuchs bestand überwiegend aus Rotem Straußgras. Nie entwickelten sich hohe Aufwüchse, immer standen die Tiere auf diesem kurzen Gras. Ich habe gefragt, ob die Tiere denn nicht genug zu fressen hätten? Nein, auch das war nicht der Grund für ihre Zweifel am Grasland. Es war schlicht das Gefühl, nicht genug von den Pflanzen zu verstehen und das ständige Klingeln in den Ohren, sie hätte pflegen, säen, sonstwas tun müssen – was sie halt nie getan hatte.

 

Nachdem ich ihr erklärt hatte, dass Rotes Straußgras ein traditionelles Futtergras für Pferde ist, das zwar kleinwüchsig, aber äußerst anpassungsfähig ist und bisher nicht im Verdacht steht, Erkrankungen auszulösen, fiel ihr ein Stein vom Herzen. Rotes Straußgras gedeiht auf sauren und armen Böden, es verträgt feuchte wie trockene Verhältnisse sowie ständigen Verbiss und Vertritt. Es mag sogar Stickstoff-Dünger, allerdings nur dann, wenn keine höher wüchsige Konkurrenz in den Startlöchern steht. Besonders konkurrenzstark ist dieses kleine, zarte Gras nämlich nicht. Daraufhin war sehr schnell entschieden: Alles bleibt, wie es ist – an dem Standort wachsen die besten dort anpassungsfähigen Gräser und die Tiere sind und bleiben gesund. Schlechtes Gewissen adieu.

Eine Frage der WirtschaftlichkeitDiese kurze Geschichte zeigt uns: Für uns Pferdehalter ist Wirtschaftlichkeit nicht allein durch Produktivität und Steigerung von Aufwüchsen zu definieren. Die höchsten Kosten von Pferdehaltern sind zumeist Tierarztkosten. Die landwirtschaftlichen Berater machen Pferdehaltern oft ein schlechtes Gewissen, in dem sie über das Säen, Mähen und Düngen dozieren. Die Pferdehalter fühlen sich dem nicht gewachsen und glauben, sie müssten etwas ändern.

 

Schon lange lebten unsere Vorfahren nicht mehr als Jäger und Nomaden, sondern versuchten sich als Bauern. Wilhelm Busch fasst in der zweiten Strophe seines Gedichtes „Gut und Böse“ treffend die Überzeugung zusammen, die sich in dieser landwirtschaftlich geprägten Zeit gebildet hat:

„Gute Tiere, spricht der Weise,
Mußt Du züchten, mußt Du kaufen;
Doch die Ratten und die Mäuse
Kommen ganz von selbst gelaufen.“

HALT. Innehalten und nachdenken. Wilhelm Busch fasst Erfahrungen der Vergangenheit zusammen. Aber gelten diese Erfahrungen in unserer aktuellen Situation?

 

Wildpflanzen und alte Kultursorten sind keineswegs wertlos. Sind die Pferde auf der fraglichen Weide gesund? Sind sie in einer vernünftigen Form? Können sie viele Stunden täglich auf der Weide stehen, länger als zwei bis drei Stunden am Tag? Dann handelt es sich bei dem Bewuchs keineswegs um „Ratten und Mäuse“. Wer eine gesunde Futtergrundlage hat, möge sie heute mehr denn je hüten wie seinen Augapfel. Die „guten“, gezüchteten und gekauften Wirtschaftsgräser sind heutzutage für Pferde nicht immer gesund (siehe Artikel „Häufige Giftpflanzen auf Pferdeweiden", „Wehrhafte Gräser" und „Vergiftungen von Pferden durch Gräsergifte").

Wirtschafts-Grasländer anno dazumal – von Meddel und Mielitz

Pferde und alte Haustierrassen sind an eine Futtergrundlage angepasst, die man als naturnah bezeichnen kann. Da wir Pferdehalter nicht die sympathischen Schecken mit den Hörnern und den dicken Eutern reiten wollen, sondern wiehernde Einhufer, kommen wir nicht umhin, uns auch mit deren Futtergrundlage zu beschäftigen. Im ersten Teil dieser Saatgut-Serie haben wir gesehen, dass das Futtergras für modernes Milchvieh nicht dem entspricht, was für die Mehrzahl unserer Pferde sinnvoll ist.

 

Sollen unsere Pferde nicht in grasfreier Auslaufhaltung mit Futterstroh und Luzerne als dem traditionellen Ersatz für „Heu plus Getreide“ stehen, dann müssen wir klären, welche Gräser in früheren Jahrhunderten als Wirtschaftsgräser genutzt wurden. Was sind also traditionelle Wirtschaftsgräser?

Das Meddel

Carl Albert Weber weist darauf hin, dass die Rasenschmiele im norddeutschen Tiefland ursprünglich „de groot Meddel“ (Plattdeutsch) genannt wurde. „Meddel“ bedeutet laut Weber (Mähe-)Futter schlechthin. De groot Meddel ist also das große, hochwüchsige Futtergras. Dieses früh hart werdende Gras musste vor der Blüte geschnitten werden. Ein späterer Schnitt ergibt minderwertige Einstreu, kein Heu. Die harten Horste (Bulte) stellen allerdings ein ernsthaftes Problem für Mähwerke dar. Die Wirtschaftlichkeit dieses weit verbreiteten Grases endete daher mit der Umstellung von Handarbeit (Sense, Sichel) auf Mähmaschinen (Pferdezug, später Traktoren). Rasenschmiele wird jung von Pferden auf der Weide gerne gefressen und bietet auf nassen Böden eine gewisse Trittfestigkeit. Bei intensiver Beweidung reißen Pferde allerdings u. U. die Horste mit den Wurzeln aus dem Boden, weshalb Pferde im Gegensatz zu Rindern zur Verdrängung dieses Grases eingesetzt werden können. Ich habe vor Jahren eine alte Pferdeweide voller Horste der Rasenschmielen im kurzgefressenen Feucht-Grasland gesehen, auf der Islandwallache schlank und gesund lebten. Zwischen den Pferden liefen geschützt durch die großen, intensiv befressenen Horste Kiebitze mit ihren Küken.

 

 

 

In alter Literatur finden sich noch andere Gräser, die ebenfalls als Meddel bezeichnet werden. Da ist das „kleine Meddel“, worunter man das Rote Straußgras versteht, von dem eingangs die Rede war. Das Rote Straußgras war ein wichtiges, besonders weit verbreitetes Futtergras unter intensiver Beweidung.

 

Rotes Straußgras. Foto: R. Vanselow


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als „Witten Meddel“ bezeichnete man das Wollige Honiggras. Dieses anspruchslose, früh absamende Allerweltsgras fand sich bestandsbildend sowohl auf Weiden als auch auf Mähwiesen.

 

Wolliges Honiggras. Foto: R. Vanselow

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schließlich wurde im Ostfriesischen der Windhalm als Meddel bezeichnet. Dieser Name rührt möglichweise aus der Zeit der Dreifelderwirtschaft. Die sich selber begrünenden Brachen dienten zu der Zeit dem Vieh als Weideland. Sicherlich stand überwiegend der einjährige Windhalm auf diesen Brachen. Mehrjährige Gräser stellen sich erst im Laufe einer Dauernutzung der Brache als Weide oder Wiese ein.

 

Windhalm. Foto: R. Vanselow

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Mielitz

Eine andere alte Bezeichnung für ein besonders wertvolles Heugras ist der Name Mielitz. Die Literatur kennt zwei Gräser, die als Mielitz bezeichnet wurden: Die Echte Mielitz ist der Wasserschwaden, die Havel-Mielitz ist dagegen das Rohrglanzgras. Beide Gräser sind sehr hochwüchsig und auf nassen, zeitweise überschwemmten Böden zu Hause.

 


Havel-Mielitz (Rohrglanzgras). Dieses mächtige Gras wird wie Schilf sehr früh hart. Daher muss es für Pferdeheu deutlich vor der Blüte gemäht werden. Foto: R. Vanselow.

 

Es versteht sich von selbst, dass diese Überschwemmungsböden für Maschinen nicht befahrbar sind. Die Ernte des Heus mit Schnittzeitpunkt VOR der Blüte wurde per Hand (Sense) oder mit Pferden vorgenommen (ggf. mit Moorschuhen an den Hufen – Schuhe aus Holz, durch die das Pferd eine größere Trittfläche hat und und nicht so tief in den Morast einsackt). Sie werden auf der Weide zwar gerne gefressen, die langen Ausläufer vertragen jedoch keine Bodenverdichtung und Verletzungen durch Hufen oder Maschinen.

 

Beide Mielitz-Gräser können frisch zu Vergiftungen beim Weidevieh führen: Alle Schwaden (Gattung Glyceria) können im jungen Aufwuchs Blausäure enthalten. Das frische Rohrglanzgras kann verschiedene Gifte wie Gramin  und psychoaktive Drogen wie DMT enthalten, die in den USA bei intensiver Weidehaltung von Schafen zu tödlichen Vergiftungen führten. Vom Heu dieser Gräser sind keine Vergiftungen bekannt.

 

Während die Echte Mielitz (Wasser-Schwaden) zu Beginn des 20. Jahrhunderts das beste Heu für Milchvieh lieferte, bot die Havel-Mielitz (Rohrglanzgras) damals das beste Pferdeheu auf dem Berliner Markt. Die Rohrglanzgras-Wiesen an der Havel konnten bis zu zweimal geschnitten werden und lieferten bis zu 16.000 kg Heu pro Hektar und Jahr. Auch Heu von Wiesen-Lieschgras, oft importiert aus Schweden, und von Knäuelgras war für Pferde in Berlin begehrt.

 

 

Vielen Bauern standen diese produktiven Wiesen nicht zu Verfügung. Das überwiegende Heu für die Landwirtschaft kam stattdessen von Niederseggenwiesen mit nur 1000 bis 2000 kg Heu pro Hektar und Jahr, Honiggraswiesen und Halb-Trockenrasen. Wo das Heu im Winter nicht reichte, mussten die Pferde mit Stroh als Raufutter auskommen. Wo auch kein Stroh zur Verfügung stand, mussten bei Heuknappheit wenigstens die Jungpferde im Winter mit der Einstreu aus Streuewiesen (siehe Artikel "Humus & Mist" Teil 5) überleben. Strohmangel betraf vor allem die Gebirge und sumpfige Landschaften ohne ackerfähige Böden.

 

Wiesensegge (Carex nigra). Foto: R. Vanselow.

 

 

 

 

 

 

Nicht Ansaat oder Düngung, sondern Schaffung geeigneter Standorte

Wer mitgedacht hat, wird bereits bemerkt haben: Diese Wiesen und Weiden, die vor einhundert Jahren und davor bewirtschaftet wurden, waren nicht das Ergebnis von Ansaaten. Vielmehr waren die Aufwüchse das Resultat der vorhandenen oder erzeugten Standorte.

 

Wie wir gesehen haben, erbringt ein Niederseggenried nur ein bis zwei Tonnen Heu pro Hektar und Jahr, während ein Überschwemmungsboden mit Rohrglanzgras in der gleichen Zeit bis zu 16 Tonnen erbringen kann. Verständlich, dass unsere Vorfahren alles daran setzten, die wüchsigen Gräser nährstoffreicher Fließgewässer zu mehren. Die Fruchtbarkeit führte man auf Humusgehalte zurück (siehe Artikel "Humus & Mist" Teil 2).

 

Der bekannteste Verfechter der Humustheorie war Thaer. Das Minimumgesetz konnte sich erst später vor allem durch die Schriften Liebigs durchsetzen. (Mineral-)Dünger war jedoch kostbar. Tatsächlich wurde das Vieh von den Weiden geholt und aufgestallt, um genug Mist zur Düngung der Äcker und zur Ernährung der Bevölkerung zu bekommen. Diese Praxis des Aufstallens im Sommer geht vor allem auf Schubart von Kleefeld im 18. Jahrhundert zurück.

 

Um genug Heu und geschnittenes Gras für die Tiere zur Verfügung zu haben, düngte man die Wiesen ausgeklügelt mit frischem Wasser. „Stickstoff ersetzt Wasser“ ist ein Lehrsatz, auf den der Botaniker Ellenberg hinweist. Wo kein Dünger vorhanden ist, kann Wasser dennoch für kräftiges Wachstum sorgen und nährstoffliebende Pflanzen fördern. Es wurden über lange Zeiträume Wässerwiesen angelegt. Dabei wurde sowohl be- als auch entwässert. Der Wasservogt war damit beauftragt, die optimale Be- und Entwässerung der Flächen sicherzustellen. Ganze Landschaften wurden eingeebnet. Flüsse wurden umgeleitet, um mit Hilfe der Wasserkraft Erdmassen wegzuschwemmen und zu bewegen. Hügel wurden beseitigt, um ideal bewässern zu können. Hänge wurden mit komplizierten Grabensystemen versehen. Die Bewässerung mit frischem Wasser verlängert zudem die nutzbare Vegetationsperiode der Flächen: Sie tauen im Frühjahr schneller auf und gefrieren im Herbst später. Damit verdanken wir die in ganz Europa verbreiteten, ausgeklügelten Wasserbautechniken in der Landwirtschaft auch der Kleinen Eiszeit, die Europas Klima von Anfang des 15. Jahrhunderts bis in das 19. Jahrhundert hinein prägte.

 

Über Jahrhunderte wurde also eine Bewässerungskultur in der Landwirtschaft betrieben. Feuchte Böden sind wenig tragfähig. Es handelte sich überwiegend um Heuwiesen. Beweidung der Feuchtwiesen fand – wenn überhaupt – vorranging mit Schafen statt. Nur im Spätsommer konnten die dann abgetrockneten Böden der Wässerwiesen von Jungrindern oder leichten Rinderrassen (z. B. dem Dexter-Rind) betreten werden. Geerntet wurde das Heu damals per Hand. Die Böden brauchten keine schweren Maschinen zu tragen. Die eigentlichen Viehweiden für schwere Rinder und Pferde fand man auf trockenen, eher ebenen Böden, während steile Hanglagen prädestiniert waren für die sehr zahlreichen Schafe und Ziegen.

Nutzung traditioneller Wirtschaftswiesen heute

Die traditionellen Wiesen mit ihren artenreichen Aufwüchsen sind selten geworden. Wo es möglich war, wurde intensiviert oder gleich Ackerland aus dem trockenen oder drainierten Grünland gemacht. Von Natur aus nasse Standorte waren nicht immer trockenzulegen. Für die moderne Landwirtschaft sind solche Flächen uninteressant geworden. Dem Naturschutz fehlt es an pflegender Nutzung: Handarbeit mit der Sense ist kaum noch zu vermitteln, Schafherden und Wanderschäfer sind schwer zu bekommen. Was nicht Naturschutz wird, bietet man oft Pferdehaltern an. Doch die wollen auch nicht per Hand mähen, sondern suchen Weideflächen, und zwar oft als Ganzjahresweiden (Offenstallhaltung).

Ein typisches Beispiel:

Eine seit Jahrzehnten bestehende Wiesenfuchsschwanz-Wiese an einem Entwässerungsgraben wurde von Pferdehaltern als Weide genutzt. Die Wiesen wurden parzelliert und periodisch kurz gefressen. Die Pferdeäpfel wurden abgesammelt, um Parasiten vorzubeugen. Es wurde kaum gedüngt aus Angst vor Hufrehe. Der hochwüchsige und dichte Fuchsschwanz lichtete sich auf, wurde mickeriger. Schließlich verschwand er stellenweise ganz und machte Platz für Sauergräser, Magerkeitszeiger wie Ruchgras und Hainsimse – und den giftigen Duwock (Sumpfschachtelhalm).

 

Feld-Hainsimse. Foto: R. Vanselow.

 

Naturschützer wären begeistert gewesen, aber den Pferdehaltern ging das Futter aus und der Duwock nahm überhand. Gleichzeitig mussten mehr Pferde aufgenommen werden, um den gebauten Reitplatz abzubezahlen. Um den Duwock einzudämmen, wurde der Graben tiefer ausgehoben in der Absicht, eine bessere Wasserzügigkeit zu erreichen und den Boden trockenzulegen. Doch den Duwock beeindruckte das gar nicht, also wollte man schließlich zu Herbiziden greifen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was ist hier in diesem Beispiel alles schief gelaufen? Wiesen-Fuchsschwanz ist ein Obergras, das feuchten und sehr nährstoffreichen Boden verlangt. Bei reichlicher Festmistdüngung (siehe Artikel "Humus & Mist" Teil 3), gerne mehrmals im Jahr, kann dieses früh blühende und samende Gras extrem dichte, hohe Monokulturen bilden, die andere Pflanzen durch Lichtkonkurrenz erdrücken. Auch Duwock zieht dann den Kürzeren, wenngleich er im Bestand erhalten bleibt.

 

Geknieter Fuchsschwanz. Foto: R. Vanselow

 

Dem Fuchsschwanz wurde das Wasser für seine Wurzeln entzogen, die im Vergleich zum Duwock oberflächlicher wachsen, und der (Mist-)Dünger vorenthalten. Hungrige Pferdemäuler hinderten den Fuchsschwanz am Blühen und Absamen – was die Samenbank im Boden erschöpft. Zudem ist Fuchsschwanz nicht besonders weidefest, wird also durch ständigen Verbiss und Vertritt aufgelichtet und schließlich verdrängt.

Die oberflächliche Verarmung des eigentlich nährstoffreichen Bodens wurde von Zeigerpflanzen (Seggen, Ruchgras, Hainsimsen) dokumentiert. Den Duwock kratzt das alles nicht, denn er wächst in mehreren Lagen bis gut zwei Meter unter der Erdoberfläche. Er ist auch bei Entwässerung durch ca. 20 cm tiefen Grabenaushub immer noch bestens mit Wasser versorgt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Zudem fungieren die Schachtelhalme im Ökosystem als „Nährstoffpumpen“: Sie können im Gegensatz zu anderen Pflanzen im sauerstoffarmen Unterboden Mineralstoffe verfügbar machen und bringen sie in ihre oberirdischen Organe. Mit dem Absterben dieser Organe im Herbst stehen die Nährstoffe dem Ökosystem als Streu und später als Humus zur Verfügung. Oberflächlich nährstoffarme Böden können oft erst durch diese natürliche Düngung die Mikroorganismen ernähren, die den anfallenden, sonst nährstoffarmen Rohhumus zu wertvollem Substrat abbauen. Schachtelhalme erhöhen also die Fruchtbarkeit ihrer Standorte entscheidend (das gilt auch als Substrat im Komposthaufen). Um den giftigen Duwock zurückzudrängen, wären reichliche Mistdüngungen sinnvoll. Es wäre zu überlegen, dem Fuchsschwanz parallel zur Düngung wieder mehr Feuchtigkeit zum Wachsen zu geben. Zudem müsste der Fuchsschwanz Ruhe vor Fraß erhalten, um sich wieder erdrückend entwickeln zu können.

 

Jeder Vertrittschaden ist ein potenzieller Wuchsort für die Wedel des Schachtelhalms. Ein einziger Schachtelhalm durchwächst als Klon unterirdisch riesige Flächen. Einmal angesiedelt, ist Schachtelhalm kaum mehr loszuwerden. Herbizide töten nur die oberirdischen Organe ab. Wenige Wochen später wachsen neue Wedel empor. Das Spritzen mit Herbiziden ermöglicht also nur eine einzige Schachtelhalm-freie Heuernte. Wenn „wirksame“ Herbizide verboten wurden, dann hatte das einen sehr ernsten Grund. Wer Herbizide benötigt, zeigt damit nur, dass er zuvor ganz entscheidende Fehler bei der Steuerung der Flächen gemacht hat.

 

Der Standort müsste grundlegend verändert werden, soll der Schachtelhalm verschwinden. Eine derartige Veränderung ist aber vielerorts nicht möglich. Daher kann Duwock meistens nur zurückgedrängt, nicht aber beseitigt werden. Schachtelhalme können im Boden unbemerkt ausharren und auf ihre Chance warten. Sobald die Wurzelatmung der Konkurrenz nachlässt, weil die Vegetation über ihnen schwächelt, wachsen ihre Wedel empor. Wenige grüne Wedel ernähren seine Speicherorgane in der Tiefe. Schachtelhalme zwingen zu einer sensiblen Führung der Flächen mit einem guten Blick für die Gleichgewichte.

Ein weiteres Beispiel soll uns ein anderes häufiges Problem beleuchten:

Viele Pferdehalter bekommen von Landwirten Überschwemmungsflächen angeboten. Diese Feuchtwiesen an Ufern, in Senken oder am Fuße von Hängen stehen wenigstens im Winterhalbjahr zeitweise unter Wasser. Um Überstauung mit Wasser zu ertragen, benötigen die dort wachsenden Pflanzen Strategien wie spezielle Belüftungsgewebe (Aerenchym), wie es der Rohrschwingel (siehe Artikel „Giftige Gräser - Wissenschaftsgeschichte") bei Überstauung ausbildet, oder schwimmende Ausläufer. Letztere können Schwingrasen bilden, die so dicht sein können, dass sie trügerisch „Land“ vorgaukeln. Ihr Betreten ist lebensgefährlich, da man wie im tauenden Eis einbrechen und dann ohne die Möglichkeit aufzutauchen unter die Pflanzendecke geraten kann. Ob man noch auf Land oder schon auf einem Schwingrasen steht, erkennt man, wenn man sehr vorsichtig hüpft: Ein Schwingrasen leitet kreisrunde Wellen vom Druckort (Schwingung) ab, wie ein ins Wasser geworfener Stein. Daher der Name. Zu den dem Vieh wohlschmeckenden Süßgräsern, mit dem Potenzial Schwingrasen zu bilden und also längere Überschwemmungen problemlos zu überstehen, gehören der Flutende Schwaden und das Flecht-Straußgras (Agrostis stolonifera).

 


Flutender Schwaden. Foto: R. Vanselow.

 

Weitere Gräser der Überschwemmungswiesen sind neben Binsen und Sauergräsern der Gekniete Fuchsschwanz, aber auch der Blaugrüne Schwaden (Glyceria declinata), der es gerne etwas trockener mag und viel Vertritt und Verbiß verträgt. Überschwemmungsböden sind nur bedingt weidefähig. Leichte Weidetiere wie Schafe können in den Übergangszeiten Frühjahr und Herbst hier weiden. Rinder oder gar Pferde werden oft nur nach der Sommerdürre im Spätsommer ertragen. Bewegungsfreudige Sportpferde sind für diese Böden besonders ungeeignet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Daher wundert es nicht, dass ich häufig Anfragen bekam, was man nachsäen könne, weil die Pferde in wenigen Wochen die gesamte Feuchtwiese in einen Acker verwandelt hatten. Ich habe dann die Gräser aufgelistet, die dort wachsen sollten mit dem Hinweis, dass die Beschaffung unmöglich bis problematisch werden würde. Ein Saatgutanbieter, der wenigstens einige geeignete Gräser im Angebot hatte, bemerkte einer Kundin gegenüber, es handele sich um eine „Sumpfpony-Weidemischung“. Diese Bezeichnung fand ich so treffend, dass ich sie unterstreichen möchte. Deutlicher kann man das Problem nicht in Worte fassen!

 

Vor welchem Problem stehen die Pferdehalter des durchgematschten Feuchtwiesen-Ackers nun? Sie haben keine Rücksicht auf den Standort genommen. Mit etwas Glück sind noch Wurzelreste und Samen im Boden, die neu austreiben können. Wahrscheinlich sind Kräuter wie Hahnenfüße, Knöteriche und Ampfer schneller als die Gräser. Auch Binsen profitieren ungemein von der Vernichtung der Konkurrenz in einem ge- bzw. zerstörten Biotop.

Saatgut der oben genannten Gräser für solche Standorte ist im Handel nur in sehr geringen Mengen oder gar nicht erhältlich, und wenn doch, kann es extrem teuer sein. Mehr als 100 Euro für 1 kg Wildgrassamen ist keine Seltenheit. Im Naturschutz besteht an diesen vom Vieh gerne gefressenen Süßgräsern kein Interesse. Die Landwirtschaft listet diese Gräser auch nicht (keine Wirtschaftsgräser). Ernte und Vermehrung sind oft extrem schwierig. Zudem unterscheiden Saatgutanbieter z. B. die als Gruppe zusammengefassten Weißen Straußgräser oft nicht: Flecht-Straußgras (Agrostis alba variation stolonifera) bildet oberirdische Wurzelsprosse aus. Von den drei Unterarten des Flecht-Straußgrases (Agrostis stolonifera stolonifera, Agrostis stolonifera prorepens und Agrostis stolonifera maritima) können die beiden Letzteren zusätzlich auch unterirdische Ausläufer bilden. Das Flecht-Straußgras in seinen Unterarten ist jedoch nicht identisch mit dem ebenfalls zu den Weißen Straußgräsern gezählten Fioringras (Riesen-Straußgras, Agrostis alba variation gigantea). Fioringras bildet nur unterirdische Wurzelsprosse und kann keine Schwingrasen bilden.

 

Die Gräser dieser Gruppe haben unterschiedliche Eigenschaften, die jedoch bisher kaum weiter erforscht wurden. Bei dem Weißen Straußgras in Saatgutmischungen handelt es sich meistens um das auch im konventionellen Handel in Zuchtsorten vorhandene Fioringras. Falls die am falschen Standort ausgesäten Wildgräser überhaupt keimen, werden sie sich kaum entwickeln oder gar halten können. Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig die Vermeidung (siehe Artikel Saatgut-Serie Teil 2) von gekauftem Saatgut ist. Was zerstört ist, lässt sich nicht oder nicht ohne weiteres wieder herstellen.

Abschließende Gedanken

Mit uns Pferdehaltern scheint es zu sein wie mit dem chinesischen Kaiser und der Nachtigall im Märchen von Hans Christian Andersen: Die artenreiche Weidelandschaft ist uns nicht genug, wir wollen immer mehr Tiere auf immer kleineren Flächen halten. Wir Menschen achten die Geschenke der Natur nicht, also das, was sich am gegebenen Standort wohlfühlt. Wir wollen selber kreativ sein, Schöpfer sein, wollen Macht ausüben und selber bestimmen, wann das Geschenk sich wie zu benehmen hat. Statt an der Natur zu gesunden, gängeln und vergewaltigen wir sie, ja wir vernichten sie als wertlos, um stattdessen etwas in unseren Augen „Wertvolles“ selber zu erschaffen.

 

Immer neue Zuchtpflanzen kommen auf den Markt, eine besser als die andere. Der Kaiser lässt statt des unscheinbaren, lebendigen Vogels eine mechanische, reich verzierte künstliche „Nachtigall“ singen. Es fehlt uns an Demut sowohl vor dem Schöpfer und seinem Werk als auch vor der Kulturleistung der Menschen und Völker vor uns, die ohne solche modernen Raffinessen auf Kosten der Natur auskamen. Und es fehlt uns an Achtsamkeit. Ist doch nur wertloses, wildes Land voller Unkraut. Unsere Zeit zehrt das Werk vorangegangener Generationen auf und lebt bereits auf Pump, auf Kosten folgender Generationen. In dem Märchen muss der Kaiser nach dem Defekt der künstlich geschaffenen, mechanischen Nachtigall Demut lernen. Die lebendige Nachtigall kehrt zu ihm zurück und macht ihn wieder gesund. Ob die Natur sich von uns erholen und wieder als Futtergrundlage wird dienen können, ist allerdings fraglich.

 

Dr. Renate Vanselow, Biologin

Literatur zum Weiterlesen:

Vanselow, R. (2005) Pferdeweide – Weidelandschaft. Kulturgeschichtliche, ökologische und tiermedizinische Zusammenhänge. Ein Leitfaden und Handbuch für die Praxis. Westarp Wissenschaften (Die Neue Brehm-Bücherei), Hohenwarsleben, Bd. 657

 

Vanselow, R. & Weber, C.A. (2012) Süßgräserfibel für Pferdehalter. Westarp Wissenschaften (Die Neue Brehm-Bücherei), Hohenwarsleben, NBB Scout Bd. 1

 

Weber, C.A. & Vanselow, R. (2011) Der Duwock oder Sumpf-Schachtelhalm (Equisetum palustre). Strategien zur Verdrängung der Giftpflanze auf Wiesen und Weiden. Westarp Wissenschaften (Die Neue Brehm-Bücherei), Hohenwarsleben, 1. Aufl., NBB Bd. 678