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Das Pferd ist ein Pferd


Wenn man sich auf dem Markt für Futtermittel umschaut, hat sich eine große Wandlung allein während der letzten 5 Jahre vollzogen. Die Verpackungen werden grüner, es sind viele bunte Bilder darauf zu sehen. Die Werbungsbotschaft ist „gesund“ oder „modern“ oder auch „leis­tungssteigernd“ mit wissenschaftlich anmutenden Aufklebern. So, sollte man meinen, findet auch ein Umdenken in der Industrie statt. Der Hersteller bleibt aber doch der gleiche. Und nur weil eine Sackaufschrift nun Gesundheit vermuten lässt, ist der Inhalt immer noch derselbe wie vielleicht vor 15 Jahren auch: Getreide, Getreide, Getreide.
Getreide ist natürlich per se nicht schlimm oder verkehrt, in manchen Fällen auch nötig – denkt man an Sport und teilweise auch die Aufzucht. Aber muss es die Menge sein, die heutzutage als „richtig“ suggeriert wird?

Die Industrie entwickelt sich natürlich auch. In den Produktentwicklungsabteilungen (die oft aus weniger Personen bestehen, als man vermuten mag) sitzen in der Tat kluge Köpfe, die sich Gedanken machen.
Aber sie sind den Gegebenheiten ihres Alltags unterlegen. Manche würden vielleicht viel lieber ein Produkt designen, das anders aussieht, haben aber nicht die Möglichkeit, es wirklich zu produzieren. Oder das Produkt ist so speziell, dass es sich nur an eine kleine Gruppe Pferdehalter verkaufen lässt. Und dort liegt das größte Problem, denn Futtermittelfirmen leben natürlich vom Verkauf. Ist ein Produkt so speziell, dass es nur für eine kleine Kundengruppe scheinbar passend ist, kommt die Firma schnell in eine Situation, dass sie vielleicht sogar die Gehälter nicht mehr bezahlen kann. Das hat in den letzten Jahren zu Getreidemengen in den Futtern geführt, die unverhältnismäßig hoch sind. In meinen Auslandsstudien konnte ich schnell entdecken: Kein Land der Welt füttert so viel Getreide an seine Pferde wie die Deutschen.

Wenn man sich ein Pferdefutterbuch aus z. B. den 20er Jahren zur Hand nimmt, wird man sich wundern – denn dort sind die empfohlenen Getreidemengen viel kleiner. Aber in Deutschland gibt es eine Mentalität, die Pferde krank werden lässt: Viel hilft viel. Damit pfuscht man der Natur ins Handwerk. Dazu sollte man sich gelegentlich mal anschauen, was der eine oder andere Autor eines Pferdefutterbuches beruflich macht: Vielleicht stellt er Pferdefutter auf Getreidebasis her. Dann muss man die dort angegebenen Mengen vielleicht besonders kritisch betrachten.

Pferdefutter ist gerade in den großen Konzernen meist nur eine kleine Sparte, d.h. das Kerngeschäft liegt eigentlich woanders. Zum Beispiel bei Kühen und Schweinen. Diese beiden Spezies werden vor allem aus einem Grund gehalten: als Produzenten für Fleisch und Milch. Und so werden sie natürlich auch gefüttert: für eine maximale Entwicklung von Fleisch und Milch. Das Pferd gehört zwar in der Theorie zu dieser Tiergruppe – den Nutztieren. Aber ist das Pferd tatsächlich noch ein Nutztier? Gibt es überhaupt wissenschaftlich messbare Produktivitätsfaktoren beim Pferd, die nichts mit Leistung zu tun haben?

Nun ist gerade der Pferdesektor in den letzten 30 Jahren einem ständigen Wandel unterlegen. Produktivität, wie bei Kühen und Schweinen, gibt es beim Pferd natürlich auch. Produktivität kann die Zucht, die Leistung im Sport, Milch- und Fleischproduktion sein. Dies schließt allerdings den größten Teil des heutigen Pferdesektors aus: Den Freizeitbereich und die Nutzung des Pferdes zu rein privaten Zwecken, ohne großes Interesse an hohem Sport. Gleichzeitig mit dem Interesse an Gelände- und Wanderreiten, Ausreiten oder nur leichter Arbeit, stieg das Interesse an alternativen Rassen zum deutschen Warmblut.

Die Entwicklungsberichte aus Zuchtverbänden und Registraturstellen verzeichnet starke Verschiebungen in der Pferdeanzahl und Rassenverteilung in den letzten Dekaden. Das deutsche Warmblut ist natürlich immer noch dominant in der deutschen Pferdekultur, verliert aber an Boden. Es sind andere Rassen auf dem Vormarsch. Islandpferde, Norweger, Shetland Ponys, Haflinger, Irish Cobs, Quarter Horses, Araber, Freiberger und südamerikanische Gangpferderassen sind nur ein kurzer Auszug aus dem deutschen Rasseportfolio. Was ein Segen für die gesamte Industrie ist – denn mehr Pferde bringen auch mehr Umsatz – ist eigentlich eine kaum einzuschätzende Herausforderung: Denn den Reitern dieser Rassen ist es meist egal, wie hoch ein Pferd springt, wie schnell es läuft oder wie spektakulär sein Gangwerk ist. Diese Reiter und Pferdebesitzer interessiert ein ganz neuer Faktor: Gesundheit und Wohlbefinden anstatt Leis­tung.

Noch dazu sprechen wir über sogenannte nicht angepasste Equiden aus aller Welt in deutschen Haltungssystemen, die genetisch wenig mit einem Warmblüter gemeinsam haben.


Das Resultat sehe ich in meiner täglichen Berufspraxis als unabhängiger Futterberater: Der Anstieg von Symptomen aus Stoffwechselerkrankungen, Übergewicht, Hufrehe, Hustenerkrankungen, Erkrankungen des Bewegungsapparates, an Knochen- und Sehnenstruktur sowie Verhaltensauffälligkeiten in Form von Aggression, Unrittigkeit oder stereotypen Verhaltensweisen.
Nun kann man sagen, dass die Futtermittelindustrie natürlich darauf reagiert. Aber ist diese Reaktion adäquat? Oder tappt die Industrie in die Produktivitätsfalle und produziert z. B. Robustpferdefuttermittel mit höherem Energie- und Eiweißgehalt als Hafer, mit Fütterungsempfehlungen, die jedes Robustpferd nach wenigen Wochen an Hufrehe oder anderen Stoffwechselstörungen erkranken lassen würden? Wohl nach bes­tem Wissen und Gewissen – denn etwas anderes wäre falsch zu denken. Aber vielleicht mit enormen Folgen für ein Unternehmen, wenn sich herumspricht, dass ein Pferd von diesem Futter ggf. krank geworden ist. Sägt man hier bereits am eigenen Ast?

Natürlich handelt es sich bei allen Equiden in den Ställen um Pferde oder Ponys. Ist aber ein Shetlandpony generell geeignet, auf einer mitteleuropäischen Weide gehalten zu werden? Ist die empfohlene Freilauffläche für Islandpferde ausreichend bemessen oder ist der Stoffwechsel eines Norwegers generell in der Lage, sich dauerhaft auf eine Haltung in einer genormten Pferdebox einzustellen? Müssen wir von unterschiedlichen Messwerten – schon allein in den Vitalwerten von verschiedenen Rassen ausgehen? Gibt es generelle genetische Unterschiede im Mineralstoffbedarf bis hin zu Futtermittelunverträglichkeiten bei einzelnen Rassen, die in einer gemischten Haltung Probleme verursachen können?

Oder brauchen wir mehr Ansätze, die die Pferdehaltung, die nicht nur auf baulichen Faktoren, wie Bewegungsmöglichkeiten und Versorgungsfaktoren oder Futterfläche und Futterkomposition aufbauen, sondern sich mit der Frage befassen, ob es eventuell andere Wege in der Pferdehaltung gemäß seiner Rasse und Nutzung gibt? Ist es wirklich unproblematisch, Pferde unterschiedlicher Rassenströmungen zusammen zu halten, oder gibt es bereits dort stressbedingte Probleme aufgrund unterschiedlicher Verhaltensnormen innerhalb verschiedener Rassen – vielleicht bereits aufgrund von verschiedenen Bewegungsmustern innerhalb einer Pferdegruppe (wie z. B. visuelle Reize eines 4-Gang-Pferdes in einer Gruppe 3-Gang Pferde)? Wie stark ist ein Pferd einer nicht-heimischen Rasse fähig, sich anzupassen, und wo beginnt echte Anpassung und weniger ein Ertragen der Gesamtsituation? Kurzum: Ist ein Pferd ein Pferd ein Pferd? Das Wohlbefinden ist bei Pferden genauso wenig direkt zu bemessen wie Unwohlsein. Doch fokussieren wir immer erst auf das Problem, wenn es aufgetreten ist und beginnen „gegen“ etwas zu füttern, anstatt von Anfang an dafür zu sorgen, dass das Problem gar nicht erst auftritt. Dafür müsste man aber beginnen, das Pferd als Pferd zu betrachten und das angewandte Wissen nicht nur auf Wildpferde und Warmblüter zu beschränken.

Man muss aufhören, in Leis­tungsfaktoren und Produktivitätsfaktoren für Sport und Zucht zu denken, sondern muss beginnen, Pferde bedarfs- und leistungsgerecht zu füttern – und zu halten.
Und das schließt mit ein, dass die Pferdefütterung von morgen nicht in einem Trog hinter Gitterstäben stattfinden kann, sondern ein Schritt zurückgegangen wird, um einen Wissenspool zu schaffen, der das Pferd als Gesamtbild betrachtet und Fütterung als untrennbaren Faktor neben Haltung und Umgang gleichsetzt.

 

Conny Röhm, M.Sc. Equine Science



Conny Röhm ist unabhängige Futterberaterin für Sport- und Freizeitpferde, berät Unternehmen, hält als freie Dozentin Vorträge und schreibt Artikel für Fachzeitungen. Sie studierte Pferdewissenschaften und Betriebsführung in den Niederlanden und England und graduierte zum MSc Equine Science an der renommierten University of Essex.