Bartflechte

(Botanischer Name: Usnea filipendula)

Illustration BartflechteBevor ich ein „Heilpflanzen-Portrait“ über die Bartflechte schreibe, will ich erst einmal erläutern, was Flechten sind, sie sind nämlich keine Pflanzen, sondern werden zu den Pilzen gezählt. Ich muss etwas weiter ausholen:

Flechten sind eine Symbiose zwischen Pilzen und Algen. Es können auch mehrere Pilze und mehrere Photosynthese betreibende Algen sein. Das sind entweder Grünalgen oder Blaualgen (Cyanobakterien), man nennt sie die Photobionten und die Pilzpartner Mykobionten. Erst in der Symbiose bilden sich die typischen Wuchsformen der Flechten heraus. Nur in dieser Lebensgemeinschaft mit einem Photobionten bilden die Pilzpartner die charakteristischen Flechtensäuren.
Diese Flechtensäuren dienen dem Überlebenskampf und der Abwehrstrategie in den oft extremen Lebensräumen der Flechten. In Mitteleuropa kommen etwa 2000 Flechtenarten vor. Sie werden den Pilzen zugerechnet, unter denen sie als eigene Lebensform eine Sonderstellung einnehmen; sie sind also keine Pflanzen.
Der Pilz wird von der Alge mit Zucker versorgt, den die Alge photosynthetisch bildet. Der Pilz schützt den Algenpartner vor zu rascher Austrocknung, da im Pilzhyphengeflecht die Feuchtigkeit weniger stark schwankt; zusätzlich schirmt er seinen Algenpartner vor UV-Strahlung ab.

Flechten haben keine echten Wurzeln zur aktiven Wasseraufnahme. Bei Trockenheit verlieren sie relativ schnell die enthaltene Feuchtigkeit und wechseln in einen inaktiven „leblosen“ Zustand, in dem der Wassergehalt bei weniger als zehn Prozent des Trockengewichts liegen kann. Der nahezu vollständige Feuchtigkeitsverlust ist Teil der Überlebensstrategie: Nur im ausgetrockneten Zustand sind sie in der Lage, Temperaturextreme und hohe Lichtintensitäten, insbesondere von UV-Strahlung, zu überstehen. Flechten haben meist bescheidene Stoffwechselansprüche und begnügen sich mit geringen Mengen an Mineralstoffen aus Staub, der über die Luft angeweht wird, oder Nährstoffen, die im Regenwasser enthalten sind oder aus dem Untergrund gelöst werden.

Aufgrund ihrer Lebensstrategie und der geringen Ansprüche, sind sie in der Lage, extreme Lebensräume zu erschließen. Sie können auf blankem Fels, Mauern, Wegplatten, Dächern oder Bäumen wachsen. Sie kommen in der Wüste und auf mageren Heideböden vor, in Mooren und in Permafrostgebieten und auch noch in fast 5.000 Meter Höhe im Himalaya-Gebirge. In der Trockenstarre können Flechten Temperaturen von minus 47 Grad Celsius bis plus 80 Grad Celsius überstehen.
 

Die Bartflechte (Baumbart), Usnea filipendula, Usnea barbarta


BartflechteIn den Alpenregionen ist die Bartflechte auch als Baumbart oder Tannenbart bekannt. Für ihr Wachstum braucht die Bartflechte reine Luft, sie bevorzugt Bäume mit saurer Borke wie Tannen, Fichten und Birken. Bartflechten wachsen bevorzugt in nebel- oder niederschlagsreichen Bergwäldern und im borealen Nadelwaldgürtel, der von Kanada über Skandinavien bis Sibirien reicht. Andere Usnea-Arten kommen im Mittelmeerraum vor, in Mittelamerika und Südamerika und in Australien.
In Deutschland gibt es nur wenige Regionen, die den Ansprüchen der Bartflechte genügen, bei uns ist der Gemeine Baumbart stark gefährdet und steht unter Naturschutz.

Die Hauptinhalts- und Wirkstoffe der Bartflechte sind Flechtensäuren, Usninsäure, Gerbstoffe, Bitterstoffe und Vitamin C. Die Gerb- und Bitterstoffe regen die Verdauungsdrüsen an und sie unterstützen Leber und Galle.

Die Flechtensäuren wirken antiseptisch und haben auf grampositive Bakterien in Rachen, Magen, Darm und Lungenschleimhäuten eine keimhemmende Wirkung. Die Usninsäure wirkt ganz sanft auf Haut und Schleimhäuten, daher sind Bartflechtenextrakte beliebte Zusätze in Hautpflegemittel; sie werden auch für Lutschtabletten bei Bronchialproblemen eingesetzt. Der Einsatz von Bartflechte hat sich zur Giardien- und Trichomonadenbehandlung sehr bewährt, da bei der Behandlung die erwünsche Darmflora nicht geschädigt wird. Das Gleichgewicht im Darm wird dadurch wieder aufgebaut. Extrakte aus der Bartflechte helfen sanft bei unbestimmten Darmproblemen und bei Haut- und Bronchialproblemen, sie können auch bei Welpen und Jungtieren eingesetzt werden.

Homöopathische Zubereitungen aus Bartflechte werden zur Ausleitung von Schwermetallen und bei Migräne eingesetzt.

Die antibakterielle Wirkung der Bartflechte zeigt sich vor allem bei Infektionen grampositive Bakterien, also Bakterien, die sich im Gram-Verfahren dunkelblau färben.

Beispiele für grampositive Bakterien sind alle Arten des Stammes Actinobacteria, wie beispielsweise die der Gattungen Actinomyces und Streptococcus, Enterococcus, Staphylococcus, Listeria, Bacillus, Clostridium, Lactobacillus.

Quelle: Wikipedia

Tiroler Brauchtum (Telfs - Österreich)Im alpinen Volksbrauchtum stellen Männer in Gewändern aus Bartflechten den Wilden Mann dar. Ein in Oberstdorf gepflegter Brauch, der Wilde-Mändle-Tanz, geht auf Überlieferungen aus keltischer Zeit vor über 2000 Jahren zurück.

Verbreitet waren die "Wilden Mändle " früher weit über das ganze Alpengebiet, von Hochsavoyen bis zur Tatra, von den Dolomiten bis in den Harz und den Thüringer Wald. Nur in Oberstdorf hat sich der Tanz, der dort alle fünf Jahre von 12 Männer aufgeführt wird, erhalten.

Wilde Männer im Baumbartgewand (Häs) finden sich noch in verschiedenen Gebieten Österreichs, z. B. in Telfs in Tirol. Die Wilden Männer besuchten früher die Häuser und Höfe und legten ein Stück des Flechtenbarts auf den Stubenofen. Die Usninsäure verdampfte bei 195 C° auf der heißen Ofenplatte und desinfizierte in den muffigen Winterstuben die Keimbelastung. Durch die fungizide Wirkung konnte auch die Schimmelbildung im Haus damit reduziert werden.

Dieses Austreiben der bösen Geister wurde lange als exzentrisches Brauchtum belächelt. Heute untersuchen Wissenschaftler die antibiotischen Möglichkeiten der Flechten. In Zeiten der Antibiotikaresistenzen bietet die Rückbesinnung auf die Ursprünge der Heilkunst neue Chancen.

Manfred Heßel, Dipl.-Ökolpoge

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