Vitamin A

Indikation/Anwendungsgebiet

Vitamin A (Retinol) gehört zu den fettlöslichen Vitaminen. Es ist ausschließlich in tierischer Nahrung vorhanden, Pflanzen enthalten ein Provitamin (ß-Carotin), das im Darm zu Vitamin A umgewandelt wird. Pferde decken ihren Vitamin-A-Bedarf über die Aufnahme des ß-Carotins, Hunde als Fleischfresser hingegen können Vitamin A direkt aufnehmen. Im Gegensatz zu den wasserlöslichen Vitaminen können bei Vitamin A Überdosierungen (Hypervitaminosen) mit Vergiftungserscheinungen auftreten, insbesondere bei längerfristiger Zufütterung von vitaminisiertem Pferdemineralfutter oder Hundefertigfutter mit höher dosierten Vitaminanteilen.

Allgemein

Vitamin A ist ein fettlösliches Vitamin, das erstmals durch die Heilung der Nachtblindheit bekannt geworden war. Dieses Vitamin ist eine Sammelbezeichnung für eine Gruppe unterschiedlicher Substanzen (Retinol, Retinylester, Retinsäure) mit gleichgerichteter biologischer Aktivität. Diese Substanzen können im Stoffwechsel ineinander überführt werden, mit Ausnahme der Retinsäure, die nicht wieder zu Retinol verstoffwechselt werden kann und somit nicht alle Vitamin-A-Funktionen entfaltet. Retinol stellt die Transportform dar.

Vorkommen

Vitamin A ist nur in Nahrungsmitteln tierischer Herkunft vorhanden. Leber, Milch, Butter und Eigelb sind reichhaltige Vitamin-A-Lieferanten für den Hund. Pflanzen enthalten kein Vitamin A, sondern das zu den Carotinoiden gehörende Provitamin A (eine Vitamin-A-Vorstufe) in Form des ß-Carotins. Dieses Provitamin wird im Darm des Tieres in Retinol umgewandelt. Das Pferd deckt seinen Vitamin-A-Bedarf über ß-Carotin, das in allen Grünfuttern, frischem Heu, im Weidegras, in Karotten, in Hagebutten und z. B. in Roter Bete vorkommt. Auch alle gelben, roten und grünen Gemüse und Früchte wie Kürbis, Grünkohl, Löwenzahn, Petersilie, Feldsalat, Aprikosen und Kirschen sind ß-Carotin-haltig und zum Teil für Pferde als Vitaminquelle gut geeignet (Löwenzahn, getrocknete Petersilie).

Aufnahme und Verwertung

Die Aufnahme von Vitamin A erfolgt entweder als Fettsäureester (Retinylester) über tierische Nahrung oder als Provitamin A (ß-Carotin) über Pflanzen. Bei ausreichender Fettversorgung mit dem Futter wird Vitamin A zu einem Großteil vom Körper resorbiert. Der Stoffwechsel von Vitamin A und ß-Carotin entspricht dem Fettstoffwechsel, d. h. Vitamin A wird nicht so schnell ausgeschieden wie wasserlösliche Vitamine, sondern in der Leber gespeichert. Im Darm erfolgt die Umwandlung von ß-Carotin zu Retinol. Auch Vitamin-A-Fettsäureester werden von der Pankreaslipase (fettspaltendes Enzym der Bauchspeicheldrüse) im Darm zu Retinol gespalten. Retinol wird nach Aufnahme in die Darmepithelzellen über Lymphe und Blut zur Leber transportiert, um dort gespeichert zu werden bzw. an die Wirkorte in den Zielzellen zu gelangen. Die Leber verfügt über große Retinol-Speicherkapazitäten und Pufferfunktionen, so dass der Vitamin-A-Blutspiegel keinen Aufschluss über den aktuellen Versorgungszustand des Tieres gibt.

Wirkung

Da Vitamin A eine Gruppe verschiedenartigster Verbindungen umfasst, zeigt dieses Vitamin sehr unterschiedliche Wirkungen. Es spielt eine zentrale Rolle 

  • für den Sehvorgang: Retinal (Alkoholform des Retinol) verbindet sich mit Opsin (Protein) zu Rhodopsin, dem sogenannten Sehpurpur, in der Netzhaut des Auges. Bei Lichteinfall wird Rhodopsin wieder zu Retinal und Opsin aufgespalten und aufgrund der hierbei freigesetzten Energie ein Nervenimpuls an den Sehnerv geleitet.
  • für die Fortpflanzungsfähigkeit und Fruchtbarkeit: Vitamin A beeinflusst positiv die Spermatogenese (Reifung und Entwicklung der Spermien) und die Eireifung im Eierstock. Es nimmt Einfluss auf die Entwicklung der Plazenta und des Embryos und fördert die Hormonbildung von Testosteron, Östrogen und Progesteron.
  • als Epithelschutzvitamin, d. h. es ist an der Bildung und Funktionserhaltung von Haut und Schleimhäuten (der Atemwege, des Magen-Darm-Traktes, der Geschlechtsorgane und der Harnwege) entscheidend beteiligt. Vitamin A unterstützt hier Zellwachstum und Zelldifferenzierung. Vitamin A fördert die Schleimbildung der Zellen, verhindert so ein Austrocknen der Schleimhäute und trägt zur Stärkung des Immunsystems bei.
  • im Knochenstoffwechsel: Bei Jungtieren wird die Skelett- und Zahnentwicklung durch Vitamin A unterstützt, bei ausgewachsenen Pferden und Hunden beeinflusst es die Knochenfestigkeit.
  • für die Blutbildung, indem Vitamin A die Erythrocytenzahl erhöht und den Einbau des Eisens (als Molekülbaustein des Blutfarbstoffs Hämoglobin) fördert.

Bedarf  und Mangelerscheinungen

Kurzdauernde Unterversorgungen mit Vitamin A können Pferde und Hunde durch Mobilisation von Leberspeicherreserven kompensieren. Längerdauernde Vitamin-A-Defizite verursachen Mangelsymptome, wie z. B.

  • Nachtblindheit: Aufgrund des Vitaminmangels kann weniger Retinal für die Regeneration von Rhodopsin zur Verfügung gestellt werden. Auch Hornhauttrübungen mit Tränenfluss können auf Vitamin-A-Mangel beruhen.
  • Schäden an Haut und Schleimhäuten: Diese werden in ihrem Aufbau und in ihrer Funktionstüchtigkeit beeinträchtigt, da die Bildung schleimsezernierender Zellen reduziert wird und die Haut zu Verhornung neigt. Schleimhäute können schneller austrocknen, wobei die Austrocknung der Atemwegsschleimhäute eine erhöhte Infektanfälligkeit bedingen kann. Eine Schädigung der Darmschleimhaut ruft Resorptionsstörungen aller notwendigen Nährstoffe und Vitalstoffe hervor. Weitere Folgen eines starken Vitamin-A-Defizits sind Epithelschäden der Haut, brüchiges Hufhorn und Neigung zu Hornspalten.
  • Störungen des Knochenstoffwechsels: Eine Retinolunterversorgung kann  Skelettschäden und daraus folgende neurologische Störungen bei Jungtieren hervorrufen. Auch bei ausgewachsenen Pferden und Hunden können Ataxien und Lahmheiten die Folge sein. Ein längere Zeit andauernder Vitamin-A-Mangel kann die Fruchtbarkeit und Entwicklung des Embryos beeinträchtigen (Fehlgeburten, Missbildungen). Auch Neuralrohrdefekte (mit Störungen des Nervensystems) können Symptome dieses Vitaminmangels sein.

Neuralrohr: Bei der Entwicklung des Nervensystems stellt das Neuralrohr die erste Entwicklungsstufe dar. Hieraus entwickelt sich bei Wirbeltieren das Zentralnervensystem mit Gehirn und Rückenmark. 

Aufgrund der Pufferfunktion der Leber kann der Vitamin-A-Blutplasmaspiegel relativ lange konstant gehalten werden, sowohl bei Hypo- als auch bei Hypervitaminosen (Unter- bzw. Überversorgung). Erst bei weitgehender Entleerung der Leberspeicher sinkt der Plasmaspiegel ab, so dass sich ein Vitamin-A-Mangel auch biochemisch im Blut  manifestiert. Zellen und Gewebe können demnach bereits unterversorgt sein, obwohl noch keine klinischen Symptome erkennbar sind.

Hypervitaminose

Als Schutz vor einer Vitamin-A-Überversorgung wird bei einer hohen ß-Carotin-Aufnahme über das Futter, wie es beim Pferd durchaus der Fall sein kann, entsprechend weniger in Vitamin A umgewandelt. Bei Jungpferden kann es dennoch zu einer Überversorgung mit Vitamin A kommen, wenn vitaminisiertes Aufzuchtfutter zusätzlich zum Weidegras gegeben wird. Auch bei erwachsenen Pferden besteht durch Zufütterung vitaminisierten Mineralfutters die Gefahr einer Überdosierung von Vitamin A. Ebenso sind Intoxikationen (Vergiftungen) in bei Hunden aufgrund übermäßiger Verfütterung von roher Leber oder stark mit Vitaminen angereichertem Fertigfutter möglich. Toxische Schäden können Wachstumsstörungen, Knochenprobleme (Neigung zu Griffelbeinfrakturen), Sehnenprobleme, schlechte Fellqualität, Haarausfall, Müdigkeit und Leistungsabfall, depressive Zustände, Muskelschwächen, Ataxien und fruchtschädigende Wirkungen sein.

Dr. Frauke Garbers, Biologin

Quellen

Biesalski, H.K. (1997): Vitamine. Bausteine des Lebens, München: Beck

Biesalski, H.K. (2002): Vitamine, Spurenelemente und Mineralstoffe. Prävention und Therapie mit Mikronährstoffen, Stuttgart: Thieme

Bender, Ingolf, Ritter, Tina Maria (2009): Futter-Lexikon. Pferde, Stuttgart: Kosmos

Case, Linda P., Carey, Daniel P., Hirakowa, Diane A. (1999): Ernährung von Hund und Katze, Stuttgart: Schattauer

Fritz, Christina (2012): Pferde fit füttern, Schwarzenbek: Cadmos

edoc.vb.uni-muenchen.de/2347/1/Senger_Valerie.pdf

www.hundeohneleine.de/hunde/vitamin_w.html

www.nicolemichaelis.de 

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