TCM / Die Vitalen Substanzen - Teil 1

Qi - Die Bedeutung von Qi in der TCM und seine Erscheinungsformen

Für Qi gibt es keinen Namen – so hörte ich bereits zu Beginn meiner Akupunkturausbildung, als die „Vitalen Substanzen“ besprochen wurden. Erst kam ich ins Grübeln, denn wie spricht und schreibt man über etwas Namenloses? Wie erlernt man Namenloses? Wie will man ein Konzept, an dessen Anfang bereits das Namenlose steht, begreifen und verinnerlichen?

Durch meinen früheren Beruf als MTA (medizinisch-technische Laborassistentin) war ich schulmedizinisch entsprechend ausgebildet, ich kann auch sagen, durch rein analytisch-abstrakte Arbeitsmethoden eher „vorbelastet“, denn gerade in dieser Labortätigkeit hat man es mit Stoffen, Substanzen und Analytik zu tun, welche die TCM als solche nicht kennt, bzw. sie bei ihrer Diagnostik und Behandlung nicht berücksichtigt. Zum Beispiel Blut – seine Bestandteile, die verschiedenen Zellen und Zelldifferenzierungen – oder auch Hormone, Enzyme, Mengen- und Spurenelemente usw. All das ist der TCM als solches fremd oder anders ausgedrückt, nicht vordergründig wichtig für Diagnose und Therapie.

Hier lag also schon die erste Herausforderung: erworbenes schulmedizinisches Wissen zwar nicht komplett außen vor zu lassen und in die Nichtexistenz zu verbannen, wohl aber mal auf die Seite zu stellen, um Platz zu schaffen für eine neue, andere Sicht und Herangehensweise an alle Aspekte von Gesundheit, Krankheit und sonstigen Störungen im physischen oder psychischen Bereich. Überhaupt die Betrachtung von Körper, Geist und Seele aus einer anderen Perspektive als der bisherigen, nämlich der der verbindenden, statt der analytisch- trennenden.

Anders wird es sonst schwierig bis unmöglich, das Große, das die TCM in sich birgt, und auch ihre mannigfaltigen Konzepte auf lange Sicht begreifen zu können. Die eigene, hier mitteleuropäische, Prägung und Vorbildung sinnvoll und störfrei, im Sinne von möglichst widerstandslos (Widerstände können behindern) zu integrieren, ist ein stetiges Bemühen, aber eines, das sich lohnt. Denn die Beschäftigung mit der TCM, vor allem die intensive, kann durch ihre innewohnende Weisheit, Klarheit, Einfachheit in eigentlichen oder vermeintlichen Komplexen und ihrer faszinierenden Logik in jeder angestellten Überlegung das Leben in nahezu allen Bereichen enorm verändern oder beeinflussen.

Sicherlich gibt es Übersetzungen des Qi, aber sie bleiben immer ein Versuch, das Namenlose eben irgendwie zu benennen: „Ursprung des Universums“, „Ursprung allen Seins“, „Lebenskraft“, „Energie“, „Lebensenergie“, „Äther“, usw. Wer sich im Verständnis leichter tut, mag einen dieser Begriffe für sich wählen, aber mehr Sinn macht es, Qi im weiteren Verlauf einfach als das zu bezeichnen, was es ist: nämlich Qi. So vielseitig und wandelbar die Erscheinungsformen des Seins sind, so vielseitig und wandelbar ist Qi.

Zhang Zai ( 1020 – 1077) schrieb: 1*)

„Die Große Leere besteht aus Qi. Qi verdichtet sich, um zu unzähligen Dingen zu werden. Die Dinge zerfallen notwendigerweise wieder und kehren zur Großen Leere zurück.“
Und weiter:
„Wenn sich Qi verdichtet, dann wird es sichtbar und seine physische Form erscheint.“
Und:
„Verteiltes Qi ist genauso Substanz wie verdichtetes Qi.“
Letztendlich eben:
„Jede Geburt ist eine Verdichtung, jeder Tod eine Auflösung. Die Geburt ist kein Gewinn, der Tod kein Verlust … wenn das Qi sich verdichtet, wird es ein Lebewesen, wenn es sich auflöst, wird es zum Substrat von Wandlungen.“

Qi ist also materiell und immateriell, substanzhaltig und substanzlos. Ist im und am Anfang und im und am Ende und umgekehrt. Qi formt Körper, Geist und Seele, ist Himmel, Erde und alles dazwischen und Grundlage aller vitalen Substanzen.

Das chinesische Piktogramm für Qi stellt sich folgendermaßen dar:


Ein Piktogramm (lat. pictum: gemalt; griech. graphein: schreiben) ist kein einzelnes Wort. Auch setzt es sich nicht aus einzelnen Wörtern oder Buchstaben zusammen. Es ist ein Bild, das eine „Geschichte“ erzählt. Zwar werden Einzelkomponenten des Piktogramms mit verschiedenen Begriffen wiedergegeben, oft aber scheinen diese Begriffe untereinander gar nicht im Kontext zu stehen. Dieser wird erst ersichtlich, wenn sich die Bedeutung des Piktogramms als Ganzes erschließt.

Unsere eigene Sprache verläuft linear und die beabsichtigte Aussage eines Satzes ist nicht unbedingt mit dem ersten, auch noch nicht mit dem zweiten oder dritten Wort gleich ersichtlich. Jemand sagt zum Beispiel zu Ihnen: „Ich lese …“. Durch die Mindestanforderung an Vorhandensein von Subjekt („Ich“) und Prädikat („lese“) ergibt dieser Satz zwar schon Sinn, kann aber durch Anfügen eines Objekts („ein Buch“, „eine Zeitung“, etc.) sowie durch Zeit- und Ortsangaben („heute“, „an der Haltestelle“) entsprechend erweitert werden.
Das heißt also: Zu Beginn des Satzes ist die Aussage noch offen, lässt sich im Laufe des Satzes erkennen oder erahnen, wird aber vollständig erst erfassbar nach dem – Satzpunkt.

Um nun aber in unserer Sprache eine Geschichte und sei es auch nur eine kurze erzählen oder verstehen zu können, bedarf es einer Aneinanderreihung etlicher solcher linearer Sätze. Ein chinesisches Piktogramm aber erzählt diese durch sich selbst in seiner Darstellung.

Das chinesische Schriftzeichen QiVereinfacht ausgedrückt stellt das Piktogramm für Qi Folgendes dar:
Der untere Teil mit den „Punkten“ symbolisiert Reis, bekanntlich die Hauptnahrungsquelle in China. Der obere Teil stellt Dampf dar, der durch das Kochen von Reis entsteht. Die Nahrung nährt und schafft die Körper-Formen. Materielles (Reis) wandelt sich zu feineren Substanzen (Dampf) und wird immer immaterieller, bis hin zum Geist, der Psyche – der immateriellsten und feinsten Form von Qi.


Das Qi des Himmels interagiert mit dem Qi der Erde und schafft das „Dazwischen“ – Menschen, Tiere, Pflanzen.
„Alles fließt“, sagte Heraklit und so fließt auch Qi . Immer, überall und in allem, was belebt oder unbelebt ist. So ist auch ein Stein nicht einfach nur „tot“, sondern birgt in sich durch die Millionen von Gesteinsschichten, aus denen er heraus entstanden ist, die Informationen sämtlicher Erdzeitalter, hat Schwingungen gespeichert, nimmt sie auf, gibt sie ab und ist somit Qi.
Qi hat viele Funktionen: Es wandelt um, transportiert, hält fest, hebt an, senkt ab, schützt oder wärmt. Und es unterliegt einem bestimmten Mechanismus, dem sogenannten „Qi-Mechanismus“.

Dieser beschreibt die Bewegungsrichtung des Qi. Sein Auf- und Absteigen, sein Ein- und Austreten.

Jedes Organ unterliegt einer bestimmten Qi-Richtung. Fließt das Qi eines jeden Organs in seine physiologische Richtung, so ist der Qi-Fluss insgesamt harmonisch. Kurze Beispiel hierfür: Das Magen-Qi fließt normalerweise nach unten. Fließt es in die entgegengesetzte Richtung spricht man von „gegenläufigem“ oder „rebellierendem“ Qi. Symptome hierfür wären Erbrechen, Reflux oder Schluckauf. Das Milz-Qi fließt nach oben. Ein gegenläufiges Milz- Qi, nämlich nach unten, verursacht unter anderem Durchfall.

Qi ist einer der „Drei Schätze“: Qi, Jing (Essenz) und Shen (Geist). Da Shen sowohl für die Niere, als auch für den Geist steht, wird zur Unterscheidung Shen im Sinne „Geist“ mit einem Sternchen versehen.

Hierzu heißt es:

Wenn man das Herz im Inneren ruhig stellt, dann ist das Qi gefestigt. Wenn man sein Herz im Inneren festigt, dann sind (die Sinneswahrnehmungen von) Ohren und Augen klar und die vier Gliedmaßen sind hart und fest, so dass man das Feinstoffliche in sich beherbergen kann. Das Feinstoffliche ist das Klare des Qi. Das Qi und das Dao bewirken Leben. Leben bewirkt Gedanken. Gedanken bewirken Erkennen. Erkennen bewirkt Rast“ (im Sinne von Ruhe).2*)

Qi ist also nicht messbar. Trotzdem besteht alles aus Qi und ist von Qi umgeben. Ohne Qi kein Leben, keine Formen, keine Funktionen.

Kontaktdaten
Julia Holzmann
Tel.: 0 92 52 / 35 72 35
E-Mail: info@thp-holzmann.de

Lesen Sie auch die anderen Teile dieser Serie über TCM:

 Literatur 

1*) Giovanni Maciocia, „Grundlagen der chinesischen Medizin“, 2. Auflage, S. 44
2*) Guanzi, 16. Kap. „Neiye Pian“, zit. nach Yuanqi Lun, Qi-Lebenskraftkonzepte im alten China, Zitat entnommen aus: Manuela Heider de Jahnsen, „Das große Handbuch der Ernährungslehre“, 3. Auflage, S. 36/37

06.09.2017

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