TCM - Xue (Blut) - Teil 4

Die vitalen Substanzen

zhōngyī - chinesische MedizinSo wie alles Qi ist und sich nur in seiner Erscheinungsform unterscheidet, so ist auch Xue, das Blut-Qi. Es ist eine dichtere Form von Qi und damit eher materiell.

Die Beziehung von Blut und Qi spielt in der TCM eine sehr wichtige Rolle. Beide sind untrennbar miteinander verbunden und bedingen sich gegenseitig. Qi erzeugt Blut, weil Gu Qi (Nahrungs-Qi) die Grundlage hierfür bildet. Qi bewegt das Blut, denn eine der Funktionen von Qi ist die Bewegung. Ohne die Kraft der Bewegung von Qi würde das Blut stagnieren. Weiterhin hält Qi das Blut in den Gefäßen (vor allem das Milz Qi). Ist das Milz-Qi schwach, kann es das Blut nicht halten und es kommt zur Hämorrhagien (Blutungsneigungen). Blut selbst nährt nun wiederum das Qi. Da es dichter und damit mehr Yin ist, hält es das Qi, welches feiner und daher mehr Yang ist und verhindert, dass Qi unkoordiniert fließt oder ohne klare Bewegungsrichtung durch den Körper wandert.

Blut ist daher „die Mutter des Qi“.
Blut fließt zusammen mit dem Qi durch die Gefäße und befeuchtet den Körper. Es heißt: „Wenn sich das Qi bewegt, folgt ihm das Blut. Wenn das Qi stagniert, verklumpt das Blut.“ (Quelle des Zitats: Giovanni Maciocia, Grundlagen der chinesischen Medizin, Seite 66)
Aus Sicht der TCM wird Blut im Herzen gebildet.

Chinesisches Schriftzeichen XueDie Nahrung füllt den Magen, der als Gär- und Getreidekammer fungiert und aus ihr extrahiert die Milz das Gu Qi (Nahrungs-Qi). Gu Qi steigt nun auf einem Weg zur Lunge und mit Unterstützung des Lungen-Qi weiter zum Herzen, wo es in Blut umgewandelt wird. Aus Sicht der westlichen Medizin wird Blut vorwiegend im roten Knochenmark der flachen Knochen gebildet (beim Erwachsenen). Dass diese Sicht kein Widerspruch zur chinesischen ist, zeigt die folgende Überlegung sehr deutlich. Was umso erstaunlicher ist, als diese Vorstellung von der Entstehung des Blutes lange vor Einführung der westlichen Medizin in China existierte.

Demnach erzeugt die Nierenessenz mit Hilfe des Yuan Qi (Ursprungs-Qi mit Sitz in der Niere) das Mark, das wie-derum die gemeinsame Matrix bildet für Knochenmark, Rückenmark und Gehirn. Auch wenn die TCM keine pluripotenten Stammzellen im Knochenmark, aus welchen sich alle anderen Blutzelllinien heraus differenzieren können, kennt, sieht sie doch die Niere als Ort der Entstehung des Knochenmarks als mitbeteiligt an der Blutbildung. Da Blut selbst eher dicht und daher materiell ist, bildet es dadurch die Grundlage für Shen* (Geist), welches die feinste und immateriellste Form von Qi ist. Blut gilt als „Residenz von Shen*“ und verankert es. Nachts umgreift das Blut Shen* und verhindert daher ein Umherwandern des Geistes. Einer der Fünf psychisch-spirituellen Aspekte der TCM ist unter anderem Hun, die Wanderseele, welche als ein Teil der Seele nach dem körperlichen Tod reinkarniert.

Sie wird der Leber zugeordnet und zieht sich nachts ins Herz zurück, wo sie zusammen mit Shen* vom Blut gehalten wird. Bei Blutmangel nun können Shen* und Hun nicht ausreichend verankert werden.

Sie wandern umher und es kommt zu Symptomen wie Schlaflosigkeit, unruhigem Schlaf, vielem und wirrem Träumen, aber auch zu solchen der Ängstlichkeit und Rastlosigkeit.

Das Blut interagiert natürlich auch mit den anderen Organen. Es heißt: „Das Herz regiert das Blut, die Milz erzeugt das Blut, die Leber speichert das Blut.“ Die Lunge, als Kontrollinstanz des Qi, gibt Qi in die Blutgefäße ab und ist damit an der vorantreibenden Bewegung des Blutes beteiligt.

Die TCM beeindruckt auch hier wieder durch Weit-Sicht, denn lange bevor durch anatomische und patholo­gische Studien die enge Verbindung zwischen Leber und Blut rein medizinisch bewiesen wurde, wusste die TCM hierum alleine durch jahrhundertelange Beobachtung und Erfahrung. Bei Bewegung zirkuliert bekanntlich das Blut, verlässt damit den Speicher Leber und befeuchtet die ihr zugeordneten Organe, Muskeln und Sehnen und das zur Leber zugehörige Sinnesorgan Auge. Kommt der Körper nun zur Ruhe, kehrt das Blut zur Leber zurück. Aus diesem Grund sind Ruhephasen auch so wichtig, bzw. eine Ausgeglichenheit zwischen Ruhe und Bewegung.

Die Vitalen Substanzen – JinYe Alle Flüssigkeiten des Körpers, außer Blut, heißen JinYe. Jin ist eher klar, wässrig und schnell in der Bewegung und dazu zählen Tränen, Speichel oder Schweiß. Jin zirkuliert zusammen mit dem Wei Qi (Abwehr-Qi) zwischen Haut und Muskeln, also außen an der Peripherie.

Ye ist eher trüb, schwerer, dichter und langsamer. Es bewegt sich im Inneren und befeuchtet das Gehirn, Knochenmark, Gelenke und Sinnesorgane.

Die JinYe entstehen am Ende eines aufwändigen und umfangreichen Selektionsprozesses, nach einer komplexen Trennung in klar und trüb, in rein und unrein. Ihren Ursprung haben die JinYe in der Nahrung und den Getränken, die Mensch und Tier zu sich nehmen. Der Magen, ein Hohlorgan, wird durch sie gefüllt und beherbergt sie. Aus diesen bildet das zugehörige Partnerorgan des Magens, die Milz, das Gu Qi (Nahrungs-Qi), aber sie kommt hier auch ihrer Funktion der Transformation und des Transportierens nach. Die Milz ist also nach dem Magen die zweite Anlaufstelle und kontrolliert nun die weitere Umwandlung und Trennung der Bestand­teile.

Die klaren Anteile wandern nach oben zur Lunge, die das Qi und die Wasserwege kontrolliert. Sie befeuchtet damit die Haut und schickt einen Teil zurück nach unten zu Niere und Blase. Der trübe und unreine Anteile wandert erst einmal zum Dünndarm, um dort erneut in rein und unrein getrennt zu werden. Der reine Anteil geht zur Blase, der unreine zum Dickdarm, wo ein Teil der Flüssigkeit resorbiert wird. Der reine Anteil aus der Blase unterteilt sich erneut in rein und unrein.

Der reine Anteil steigt nach oben und dient der Schweißbildung, der unreine Anteil wird als Endharn ausgeschieden. Damit diese Anteile je nach Zielort entsprechend auf- oder absteigen können, ist ein gut funktionierender Qi-Mechanismus wichtig. Dieser besteht aus Auf- und Absteigen und Ein- und Austreten. Die Flüssigkeit, die zur Niere transportiert wurde, wird von ihr und mit Hilfe von Ming Men verdampft und wieder nach oben zur Lunge geschickt, um diese zu befeuchten. Ist Ming Men geschwächt, kann die Niere die empfangene Flüssigkeit nicht in Dampf verwandeln und es kommt zu Flüssigkeitsansammlungen.

Magen und Milz haben unterschied­liche Ansprüche an Flüssigkeit und ihre Menge. Der Magen liebt die Nässe, die Milz die Trockenheit. Daraus erklärt sich die Schädlichkeit von zu vieler oder ausschließlicher Trockenfutterfütterung. Trockenfutter entzieht dem Magen Flüssigkeit und schädigt damit das Magen-Yin (Flüssigkeit ist eher Yin). Durch diesen Magen-Yin-Mangel kann das Magen-Yang in Exzess geraten und Magenfeuer verursachen mit Symptomen wie Ulcera und Gastritiden. Trockenfutter also kann den Magen regelrecht „austrocknen“ und eine Magen-Schwäche verursachen.

Die Beziehung zwischen Qi und den JinYe ist nicht so eng wie die zwischen Qi und Blut. Qi hält zwar die JinYe ebenfalls im Körper, aber die JinYe nähren das Qi nicht so stark, wie es das Blut vermag. Die Beziehung zwischen den JinYe und dem Blut ist etwas enger, da sich beide gegenseitig nähren und vor allem die JinYe dafür sorgen, dass das Blut flüssig, also im Fluss bleibt, und somit verhindern sie Stagnation und Verklumpung.

Eine Störung der JinYe kann sich also zeigen in einem Flüssigkeitsmangel oder -überschuss. Ein Mangel verursacht demnach Trockenheitssymtome, ein Überschuss manifestiert sich in Flüssigkeitsansammlungen, wie zum Beispiel Ödemen. Kommen noch Hitzesymptome hinzu, kann Schleim entstehen. Aus Sicht der TCM ist Schleim „eingekochte, eingedickte“ Feuchtigkeit. Eine wichtige Rolle bei den JinYe spielt noch der San Jiao (Dreifacher Erwärmer), der aber an anderer Stelle (Thema: Zang Fu) besprochen werden soll.

Julia Holzmann,
Tierheilpraktikerin, Helmbrechts

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04.09.2018

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