TCM / Die Qi-Arten - Teil 2

Qi ist mannigfaltig in seinen Funktionen des Transformierens, Haltens, Umwandelns, Nährens, in seiner Bewegungs-, Ein- und Austrittsrichtung und auch in seiner Erscheinungsform, je nach Sitz, Zielort und Aufgabe. Qi ist immer, aber nicht überall und immer gleich. Daher scheint es nicht ganz korrekt, nur von einem „Qi-Fluss“ zu sprechen oder davon, das „Qi zu bewegen, zu stärken, etc.“, sondern im Vorfeld stellt sich hier immer die Frage: welches Qi denn?

Zu den Vitalen Substanzen zählt unter Anderem „Jing“, die Essenz.


Sie hat ihren Sitz in der Niere und wird dort gespeichert. Jing setzt sich zusammen aus der Vorhimmelsessenz / dem vorgeburtlichen Jing und der Nachimmelsessenz / dem nachgeburtlichen Jing. Die Vorhimmelsessenz entspricht aus westlicher Sicht unseren Genen, unseren Erbanlagen. Wird einem Lebewesen also zum Zeitpunkt der Empfängnis bereits mitgegeben. Die Nachhimmelsessenz stammt aus der Nahrung und „pflegt“ die Vorhimmelsessenz. 

Die Vorhimmelsessenz entspricht der Konstitution, der Lebenskraft, also einem „Energiekanister“, der nur ein bestimmtes Maß an Reservoir zur Verfügung stellt und der sich im Laufe des Lebens leert. Mit diesem vorgeburtlichen Jing gilt es sorgsam umzugehen, es zu schützen, zu wahren, zu hegen und zu pflegen, da dieser Speicher nicht aufgefüllt werden kann. Aus der Betrachtung des Jing wird ersichtlich, warum die TCM einer angemessenen Lebensführung und einer gesunden Ernährung soviel Wert beimisst.

Das Yuan Qi (Ursprungs-Qi)


Das Jing ist eher von flüssiger Natur. Aus dem Jing wird das Yuan Qi (Ursprungs-Qi) extrahiert. Die nötige Energie für diesen Vorgang liefert Ming Men, das „Lebensfeuer“, welches zwischen den Nieren lokalisiert ist, wobei einige Autoren Ming Men der rechten Niere zuordnen und die linke Niere selbst als Funktionsorgan betrachten.

Die enge Beziehung des Yuan Qi zum Jing wird auch dadurch deutlich, dass Yuan Qi oft auch als Yuan Jing bezeichnet wird. Das Yuan Qi kennt also ebenso zwei Quellen: die Vorhimmelsessenz und die Nachhimmelsessenz und ist demnach „Qi gewordene Essenz“. Es ist die treibende Kraft für weitere Qi-Transformationen, die im mittleren San Jiao (mittlerer Dreifacher Erwärmer) in Magen und Milz und im oberen San Jiao (oberer Dreifacher Erwärmer) in Lunge und Herz stattfinden. 

Das von der Niere ausgehende Yuan Qi ist an der Blutbildung beteiligt. Heute weiß auch die westliche Medizin, dass das in der Niere produzierte Hormon Erythropoietin (EPO) die Bildung der Erythrozyten (rote Blutkörperchen) während der Hämatopoese (Blutbildung) fördert. Die TCM wusste um diesen Zusammenhang (Niere – Blutbildung) schon lange vorher, auch ohne konkrete Nennung einer messbaren Substanz.

Im Körper verteilt wird das Yuan Qi über den San Jiao, der daher auch „Straße für das Yuan Qi“ genannt wird. Über dieses „Straßennetz“ wird das Yuan Qi zu den Organen und Leitbahnen geführt. An bestimmten Körperpunkten tritt das Yuan Qi gleichsam einer Stromschnelle oder einer sprudelnden Quelle aus. Diese Punkte nennt man Yuan-Quell-Punkte. Über diese Punkte kann daher Einfluss genommen werden auf das Yuan Qi und damit auf das Jing.

Gu Qi (Nahrungs-Qi)


Der Magen ist ein Hohlorgan. Er wird mit Nahrung gefüllt, umfasst sie, fungiert als Gärkammer und oft liest man auch „im Magen rottet die Nahrung“. Seine Hauptaufgabe ist also „das Empfangen der Nahrung“. Das Partnerorgan des Magens, die Milz, wandelt nun die Nahrung in Gu Qi (Nahrungs-Qi) um. Dieses Qi selbst ist für den Körper noch nicht verwertbar, da es von seiner Substanz her eher grobstofflich ist. Es bildet aber die erste Stufe in der Qi-Umwandlung und die Basis für weitere. Die Hauptaufgabe der Milz liegt unter anderem in der Transformation und im Transport – daher auch TT-Funktion der Milz genannt. 
Das also von der Milz aus der Nahrung ex­trahierte Gu Qi steigt nun nach oben in den oberen San Jiao Richtung Thorax; einmal zum Herzen, wo es in Blut umgewandelt wird und weiterhin zur Lunge, wo es zusammen mit dem Kong Qi oder auch kosmischem Qi (Qi aus der Atmungsluft) das Zong Qi (Brust-Qi, Sammel-Qi) bildet.

Zong Qi (Brust- oder Sammel-Qi)


Zong Qi entsteht also aus dem Qi der Atmung und dem Qi der Nahrung. Es ist dies nun eine Qi Art, die schon feinstofflicher und damit verwertbar ist. Zong Qi nährt das Herz und hat damit Einfluss auf die Gefäße und das Blut. Und es nährt die Lunge, wirkt daher auf die Atmung.
Zong Qi sammelt sich in der Kehle und bestimmt daher stark das Sprechen – bei uns Menschen. Analog zu unseren Tieren Kraft und Ausdruck der Stimme. Die Emotionen, die dem Funktionskreis Lunge zugeordnet werden, sind Trauer und Traurigkeit. 
Übermäßige Trauer, zum Beispiel nach Verlust eines nahe stehenden Artgenossen oder der menschlichen Bezugsperson, „schnürt den Brustkorb ein“, schädigt das Zong Qi und möglicherweise die Lunge derart, dass Krankheitsbilder wie Bronchitis, Husten etc. entstehen können. Tiefe Trauer, verbunden mit einem regelrechten Schock, kann einem Lebewesen regelrecht die „Sprache verschlagen“, zur „Sprachlosigkeit“ führen. Je länger sie dauert, je tiefer sie sitzt und sich womöglich manifestiert, desto größer die Schwächung des Zong Qi und der betroffenen Organe Lunge und Herz. Jede pathologische Emotion schwächt nicht nur das ihr zugeordnete Organ, wie als weiteres Beispiel übermäßiger Zorn die Leber oder Angst die Niere, sondern letztendlich immer auch das Herz. Denn nur das Herz kann die Emotion fühlen. 
Aus dem Zong Qi entsteht nun weiter unter der treibenden Kraft des Yuan Qi das Zhen Qi (Wahres Qi).

Zhen Qi (Wahres Qi)


Da das Zhen Qi aus dem Zong Qi gebildet wird, stammt es demzufolge ebenfalls aus der Lunge. Das Zhen Qi ist die vorletzte Stufe in dieser gesamten Qi-Umwandlung und aufgrund des Entstehungsortes dieses Qi heißt es auch: „Die Lunge kontrolliert das Qi“. Die letzte Aufteilung dieses Qi, des Zhen Qi, ist nun die in die zwei Aspekte Ying Qi (Nähr-Qi) und Wei Qi (Abwehr-Qi ), die untrennbar miteinander verbunden sind.
Ying Qi (Nähr-Qi)Wie der Name sagt, nährt es nun den Kör­per und die Organe. Es fließt zusammen mit dem Blut in den Gefäßen und in den Leitbahnen. So wie das Yuan Qi an den Yuan Quell-Punkten angesprochen werden kann, so kann durch Akupunktur nun dieses Qi aktiviert werden. Da es innen, also in Organen und Leitbahnen fließt, ist es eher Yin als Yang.

Wei Qi (Abwehr-Qi)


Aus westlicher Sicht ist das Immunsystem ein hochkomplexes Gebilde. Daran beteiligt sind unter anderem aus der Zelldifferenzierung hervorgegangen Blutzellen, wie zum Beispiel Granulozyten (weiße Blutkörperchen) oder Antikörper aus der spezifischen oder unspezifischen Abwehr. 
Diese Vorstellung kennt die TCM als solche nicht. Sie sieht die Abwehr, das Wei Qi gleichsam einem Schutzwall, der von außen den Körper vor exogenen pathogenen Faktoren (kurz: epF = äußere krank machende Faktoren wie Hitze, Kälte, Wind etc.) schützen soll. Wei Qi fließt außerhalb der Leitbahnen, zwischen Haut und Muskeln und wärmt diese. Es zirkuliert also unter der Haut. Da Haut ebenfalls der Lunge zugeordnet wird, steht auch das Wei Qi unter „Kontrolle der Lunge“. Daraus folgert, dass eine Schwäche der Lunge auch zu einer Schwäche des Wei Qi führen kann. 
Dadurch, dass Wei Qi nicht innen, sondern außerhalb unter der Haut fließt, ist es eher Yang als Yin. Es hat Bezug zu den Poren der Haut. Wei Qi ist also am Öffnen und Schließen der Poren und damit an der Schweißregulation beteiligt. Befindet sich das Wei Qi in Schwäche, ist dieser Regulationsmechanismus gestört. Die Flüssigkeit kann nicht mehr gehalten werden, und es kommt zu vermehrtem Schwitzen. Wei Qi zirkuliert 50 mal am Tag im Körper: Tagsüber 25 mal außerhalb des Körpers, nachts 25 mal im Körper, wo es sich in die Yin Organe zurückzieht. Der Vollständigkeit halber noch zwei Qi-Arten:

Zhong-Qi


Es ist dies das Qi speziell von Magen und Milz. Aufgrund der Lage von Magen und Milz im mittleren San Jiao wird es auch „Qi der Mitte“ genannt und eine Störung in diesem Bereich als „Störung der Mitte“.

Zhen-Qi


Das Zhen Qi heißt auch „Aufrechtes Qi“. Es beschreibt und umfasst alle die Qi-Arten, die aktiviert werden, wenn epF den Körper angreifen. Es sind dies eben das Yuan Qi, das aus dem Jing entsteht. Ein gutes und starkes Jing, vergleichbar mit einer starken Konstitution und ausreichend vorhandener Lebenskraft, kann den epF entsprechend entgegentreten. Unterstützt wird das Jing in der Abwehr gegen die epF eben auch vom innen fließenden Ying Qi und dem außen fließendem Wei Qi.

Aus diesen Anführungen heraus wird nun vielleicht wiederum ersichtlich, warum es heißt: „Für Qi gibt es keinen Namen“. 
Qi ist ist in seinen Erscheinungsformen, Wir­kungen und in seinen Lokalisationen viel zu umfangreich und vielseitig, als dass EIN Name ausreichen würde, um es zu beschreiben. 
Auch wenn in etlichen Büchern oft und ausführlich über Qi debattiert wird und darüber, welche Übersetzungen denn nun der Bedeutung des Qi am nächsten kommt oder ihm gerecht wird, erleichtert es das Begreifen ungemein, wenn man sich vorstellt, dass Qi eben einfach nur „ist“. 
Das Wort „Ist“ ist bekanntlich eine konjugierte Form des Verbs „Sein“. Bei Krankheit und Disharmonien ist es wichtig und richtig, das Sein als Ganzes zum Zwecke der Ursachenforschung in Teilaspekte zu zerlegen. Um zum Beispiel im Zuge der Anam­nese und Diagnose herauszufinden, welches Qi denn von einer Störung betrof­-fen ist. 

Was aber nicht geschehen sollte, ist eine manente, also bleibende Zerstückelung und folglich isolierte Betrachtung. Dieser Vorgang wäre dem der westlichen dann nämlich gleich oder ähnlich: nämlich reine Selektion von Symptomen ohne Zusammenhang, falsch fokussierte Betrachtung derselbigen und Konzentration ausschließlich auf einzelne Organe.
Das Konzept der TCM beruht aber auf der Ganzheitsbeziehung, auf der ganzheitlichen Betrachtung. So wie ein einzelnes Puzzleteil kein vollständiges Bild ergibt, so kann ein einzelnes Symptom nur zum Gesamtbild hinführen, es selbst aber nicht sein.

Lesen Sie auch die anderen Teile dieser Serie über TCM:

Julia Holzmann
Tierheilpraktikerin, Helmbrechts

06.09.2017

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