Krieg oder Miteinander?

Parasiten, Symbionten und das Prinzip des ökologischen Gleichgewichts

Ammonit aus dem SchwarzjuraWeltweit schätzt man die Anzahl der Tiere, also der Individuen, auf eine Trillion – das sind 10¹⁸. Überwiegend sind es Insekten und andere Kleinlebewesen. Nach neueren Berechnungen soll die Artenanzahl insgesamt 8,7 Millionen betragen, darunter 7,8 Millionen Tierarten, 610.000 Pilzarten und etwa 300.000 Pflanzenarten. 

Irgendwo, vermutlich in den Weiten der Ozeane, muss sich vor 3,5 Milliarden Jahren aus chemischen Verbindungen, die miteinander kooperierten und sich vervielfältigen konnten, eine bakterienähnliche Zelle entwickelt haben.

Dass es eine und nur eine Zelle gewesen sein muss, die Urahnin aller weiteren Lebewesen bis heute, müssen wir daraus schließen, dass alle Lebewesen – Bakterien, Einzeller, Pilze, Pflanzen und Tiere – dieselbe genetische Ausstattung haben. Ihre RNS und ihre DNS sind in allen Lebewesen aus den gleichen Bauelementen zusammengesetzt.

Der Sprung von der toten Materie bis zur ersten Bakterie ist riesig, denn schon eine Bakterie ist von einer Komplexität geprägt, die für uns bisher auch nicht annähernd verstanden ist und die ganz gewiss nicht vergleichbar ist mit irgendeinem technischen Gerät. Es entstand eine lebendige Ganzheit.

Leben

Das Lebendige ist etwas völlig anderes als die Materie. Lebende Materie gibt es nicht! Wohl aber ist Materie Träger des Lebens, wie nicht zu übersehen ist. Diesen gravierenden Unterschied zwischen toter Materie und belebter erkennen wir am einfachsten, wenn ein Lebewesen stirbt.

Irgendetwas, nennen wir es Fluidum oder Seele oder Geist, verlässt den Körper oder löst sich von ihm im Augenblick des Todes.

Die chemische Zusammensetzung des toten Körpers verändert sich in diesem Moment nicht, alle seine Atome und Moleküle sind immer noch dieselben. Was ihn verlassen hat, können wir materiell nicht erfassen und den Prozess nicht erklären. Bis heute ist das ein Ärgernis für die Wissenschaft, denn unser Weltverständnis ist seit 250 Jahren vom Paradigma des Materialismus geprägt.

Alles lässt sich demnach auf Materie zurückführen und erklären; letztlich müsste auch das Leben über die Materie, also chemische und physikalische Prozesse, erklärt werden können. Bisher ist man damit gescheitert.

Für das Erklärungspotential des Materialismus ist Leben eine Anomalie, die als solche das Paradigma des Materialismus falsifiziert. Trotzdem hält man eisern am Materialismus als allgemein gültiges Erklärungsmodell fest. Mit besserem Wissen wird aber ein Paradigma zum Unsinn. Aus Totem kann kein Leben entstehen, nur aus Lebendigem.

In der ersten lebendigen Zelle ist bereits die Vielfalt aller Zellen und Lebewesen angelegt. Aus ihr sind alle die vielen Millionen Spezies entstanden, wie oben angesprochen: Archaebakterien, Bakterien, Einzeller, Mehrzeller, Pilze, Pflanzen und Tiere. Auch alle Arten, die im Laufe der vergangenen Jahrmillionen ausgestorben sind.

Erforderlich für die Weitergabe von Eigenschaften war die Entwicklung der DNS und die RNS, letztere ist für die Übersetzung der genetischen Informationen in Eiweiße verantwortlich. So war die Vererbung von Lebensinformationen im Sinne von Bauanleitungen der Eiweiße von einer Generation an die nächste gegeben. Gleichzeitig war damit die Voraussetzung geschaffen für die Anpassung an veränderte Lebensbedingungen und die Differenzierung in Rassen und Arten.

Alle Lebewesen sind also Ausformungen oder Übersetzungen dieser so gespeicherten Informationen in Körperlichkeit, wozu Materie benötigt wird. Man kann es Inkarnation, ins Fleisch setzen, nennen.

Alle Lebewesen sind insofern Geschwister.

Evolution

Zur Erklärung, wie es zu der Vielfalt von Arten gekommen ist, wird uns die Evolutionstheorie Darwins als wissenschaftlich verstanden und unbezweifelbar und damit endgültig richtig erklärt. So steht es in den Lehrbüchern. Daraus ist ein Paradigma geworden. Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl. Widerspruch gilt als unwissenschaftlich.

Der Mechanismen der Entwicklung nach Darwin sind „survival of the fittest“ und „struggle for life“. Jede neu erworbene Eigenschaft ist demnach auf eine Mutation zurückzuführen. Brachte die einen Vorteil für das Überleben des Individuums, konnte sie an viele Nachkommen weitergegeben werden, denn „the fittest“ ist der am besten Ausgestattete und Angepasste, evtl. auch der Stärkste, der sich erfolgreicher als Schwächere fortpflanzen kann. Das wird als Selektion bezeichnet.

Mutationen treten umweltbedingt auf und das zufällig, so wird als Voraussetzung angenommen. Die meisten Mutationen haben, wie sich berechnen lässt, negative Folgen für den Nachwuchs. Das lässt Zweifel an der Theorie aufkommen.

Auch wenn man nicht grundsätzlich am Prinzip der Selektion durch „survival of the fittest“ zweifelt, so lassen sich doch die gewaltige Vielfalt der Arten, ihre Beziehungen zueinander, ihre Abhängigkeiten bis hin zum totalen Einswerden von Arten oder auch Geschlechtern (Pärchenegel) ausschließlich durch Selektion über den Zufall nicht erklären.

Dafür hätten auch 3,5 Milliarden Jahre nicht ausgereicht, zumal es erst seit etwa 600 Millionen Jahren mehrzellige Lebewesen gibt. Zudem kam es während dieser langen Zeitspanne auch noch mehrmals zu erdweiten Katastrophen, bei denen die meisten Arten vernichtet wurden. Jeweils danach entwickelten sich neue Arten.

Bei der letzten dieser Katastrophen vor 65 Millionen Jahren, der bekanntesten, ging das Zeitalter der Dinosaurier zu Ende und mit ihnen starben Millionen Arten Pflanzen und Tiere aus. Neue entstanden, und das Zeitalter der Säugetiere und der Blütenpflanzen begann, in dem wir immer noch leben.

Jede Art hat ihre Besonderheiten, ihren Lebensraum oder ihre Nische, ist verbunden mit vielen anderen, lebt mit ihnen in einem ökologischen Gefüge, zu dessen Funktionieren sie beiträgt.

Es gibt keine Wertung, kein gut, kein böse, kein schädlich oder nützlich. Die Natur kennt keine Parasiten, keine Schmarotzer, keine Ungeziefer und keine Unkräuter. Alle Lebewesen besetzen im biologischen Gefüge Plätze oder Nischen und erfüllen wichtige Aufgaben, die für das innere Gleichgewicht von Lebensgemeinschaften unentbehrlich sind. Jedes Lebewesen, außer den meisten Pflanzen, lebt von anderen Lebewesen.

Vielen fällt es schwer, diese Notwendigkeit zu akzeptieren, weil solche Prozesse oft grausam aussehen, fressen und gefressen werden – und wir sind geneigt, moralische Bedenken den biologischen Prinzipien überzuordnen.

In der Natur aber geht es nicht um Moral oder Sentimentalität, sondern um die Fortpflanzung und damit um die Erhaltung der Art, jeder Art. Voraussetzung dafür ist das Überleben des Individuums und das Funktionieren der Gemeinschaft, in der eine innere Balance gehalten werden muss, wie auch in jedem einzelnen Körper.

So wie viele Arten in einem Biotop miteinander leben, voneinander abhängig sind und sich gegenseitig regulieren, ist auch jeder lebendige Körper selbst ein solcher Lebensbereich mit verschiedenen Lebensräumen wie Verdauung, Stoffwechsel, Fortpflanzung, Kommunikation; alle korrespondieren miteinander und beeinflussen sich. Am deutlichsten können wir das im Darm erkennen, der extrem dicht besiedelt ist mit Bakterien, Pilzen, Einzellern und Würmern. Mindestens tausend Bakterienarten oder -stämme sind bereits nachgewiesen.

Kein Lebewesen und keine Spezies existiert für sich alleine.

Was für eine erste Bakterie oder wenige zu Beginn des Lebens gegolten haben mag, relativ isoliertes Leben, ist für weiter differenzierte Lebewesen kaum mehr möglich. In einer Isolation gäbe es kein Überleben.

Kein Lebewesen ist ein Einzelding, lebt isoliert von anderen. Jedes Lebewesen ist innerhalb seines Körpers und auf seinem Körper eine Vielheit, vernetzt mit anderen Arten und abhängig von ihnen. Es ist immer eingebettet in größeren Gefügen einer Lebewelt, aus der es auch seine Nahrung und Sicherheit bezieht und gleichzeitig anderen liefert. Wir sprechen von Ökosystemen.

Symbiose

Und auch bei diesem Begriff müssen wir uns klar darüber werden, dass es keine isolierten Ökosysteme gibt, auch sie stehen miteinander in Kontakt und Abhängigkeiten, ihre Grenzen sind fließend.

Prof. James LovelockLetztlich ergänzen sie sich alle zum übergeordneten Ökosystem Erde, das wir Biosphäre nennen, wie es uns James Lovelock in seinem Buch Gaia erklärt hat. Er sieht die Erde bzw. ihre obere belebte Schicht als einen lebendigen Organismus, ein Lebewesen an. Das kann nur funktionieren, wenn alle Prozesse harmonisch mit dem übergeordneten Ziel eines inneren Gleichgewichts ablaufen. Dabei ist das Miteinander für gemeinsamen Erfolg dem Gegeneinander, dem Kampf ums Dasein, immer übergeordnet.

Bis hierhin können wir uns noch vorstellen – und so lehrt man es uns – dass sich aus den Vorfahren durch langsame Veränderung von einer Generation zu nächsten die heutigen Lebewesen entwickelt haben. Demnach ist die erste lebendige Zelle die Stammzelle aller späteren bis hin zu den Körperzellen der Tiere und unseren eigenen.

Betrachten wir aber den Zeitaspekt kritisch, können wir nicht zu dem gewünschten Ergebnis kommen. Ganz anders ist es, wenn wir die Veränderungen, die ja stattgefunden haben, nicht nur als originär, durch viele kleine Schritte aus dem einzelnen Lebewesen entstanden ansehen, sondern als die Folge von Gemeinschaftsbildung, von Symbiosen, und das bereits in den einzelnen Zellen.

Prof. Lynn MargulisAm Anfang des Lebens war die Symbiose. So beschreibt es Lynn Margulis in ihren Büchern Die andere Evolution und Leben. Und nur mit dem, was sie und einige andere Forscher herausgefunden haben, und der neuen Theorie der Dymbiogenese lässt sich das Paradigma der Darwinschen Evolutionstheorie überwinden, oder, besser gesagt, ergänzen.

Denn beide vereint und zudem ergänzt durch die Erkenntnisse der Epigenetik bilden eine runde Theorie. Dann nämlich schrumpft der Zeitbedarf für Anpassungen und Veränderung, und somit die Bildung neuer Arten, ganz erheblich.

Erst diese drei Ansätze gemeinsam ergeben wohl die wahre Geschichte der Entstehung der Arten. Bakterien haben eine unglaubliche Fähigkeit, sich fast allen Lebensbedingungen anzupassen. Ihre genetische Ausstattung und ihre Fähigkeit, die genetischen Aktivitäten zu variieren und zu kombinieren, erlauben das.

Die Vermehrung der Bakterien kann rasend schnell vonstatten gehen, eine Teilung innerhalb von 20 Minuten ist möglich. Ihre Spezialisierung und Anpassung an bestimmte Lebensbedingungen in Nischen führt zu immer neuen Entwicklungslinien. In einem Lebensbereich können sich viele verschiedene so spezialisierte Bakterienstämme aufhalten. Hier sind sie sich zu Beginn des Lebens auch begegnet.

Eine folgenreiche Begegnung muss bereits sehr früh in der Entwicklungsgeschichte der Lebewesen geschehen sein. Am Anfang existierten nur Cyanobakterien und Algen. Sie verbrauchten das verfügbare CO₂, woraus Biomasse entstand, und zugleich gaben sie als Abfallprodukt hochgiftigen Sauerstoff O₂ ab. Die Oberfläche der Erde war damals reich an Eisenverbindungen, die nun vom Sauerstoff oxidiert wurden. Die Erde rostete, wurde zu einem roten Planeten.

Als der freiwerdende Sauerstoff nicht mehr durch weitere Oxidationen verbraucht wurde, reicherte er sich in der Atmosphäre an. Sauerstoff ist hoch aggressiv und war für die CO₂-verbrauchenden und Sauerstoff produzierenden, also anaerob lebenden Bakterien, tödlich giftig. Irgendwann hätten sie alle durch Selbstvergiftung zugrunden gehen müssen.

Aber die Natur ist erfinderisch und mit der Anpassungsfähigkeit der Bakterien wurde das Problem gelöst. Es entwickelten sich Bakterien, die mit Hilfe des Sauerstoffs, also durch Oxidation, Energie aus Zucker gewinnen konnten. Diesen oxidativen Energiestoffwechsel nennen wir aerob im Gegensatz zum anaeroben der Urbakterien, von denen heute immer noch viele existieren, auch im Darm der Tiere und Menschen.

Das eigentliche Wunder aber geschah, als diese neuen Bakterien, die mit Hilfe von Sauerstoff Energie gewinnen konnten, von anderen, die das nicht konnten, gefressen wurden – aber nicht mehr verdaut, sondern geduldet oder sogar gehegt wurden.

Normalerweise waren sie ja Futter. Aber nun durften sie sich ansiedeln und ihre Energiegewinnung weiter betreiben. So wurden sie zu energieliefernden Organen ihres Wirtes. Der gelangte damit billig an Energie und bot den Gästen Sicherheit und Nahrung. Dieser Prozess der Symbiosebildung wird bis zur völligen Etablierung Millionen Jahre gedauert haben, aber heute leben diese eingewanderten Zellen zu tausenden in jeder Körperzelle der meisten Mehrzeller und aller Wirbeltiere.

Wir nennen diese Bakterien Mitochondrien.

Es ist leicht an der Struktur zu erkennen, dass es sich um ursprünglich eigenständige Bakterien handelt, denn sie sind wie Bakterien aufgebaut, und sie tragen eigenes Erbgut in einem Ringmolekül.

Davon sind bei Mitochondrien bis heute etwa 30 % aktiv.

Bei Plastiden, die ebenfalls eingewanderte Bakterien sind, ist es ähnlich, da sind noch ca. 50 % aktiv. Eine Gruppe der Plastiden sind die Chloroplasten, die wir als grüne Farbe der Blätter wahrnehmen.

Während der Verfestigung der Partnerschaft ist es in einem frühen Stadium zu einem Übertrag von Genen der eingewanderten Zelle in den Kern der Wirtsbakterie gekommen, aber eben nicht zu einer völligen Verschmelzung.

Immer noch beginnt die Fortpflanzung einer Mitochondrie mit der Querteilung, ohne sie gibt es keine Verdopplung. Mitochondrien können nur aus Mitochondrien entstehen. Der Zellkern liefert zwar den fehlenden Anteil an Informationen bzw. Bauanleitungen für verschiedene Eiweiße, alleine aber kann er keine Mitochondrien produzieren.

Die Eigenständigkeit dieser Mitochondrien war schon im 19. Jh. bekannt. Der Zytologe Walter Flemming entdeckte, dass nicht alleine der Zellkern Chromatin enthielt, in denen man später die Chromosomen erkannte, sondern auch andere Teile der Zelle. Man verstand damals nicht, wie sich Mitochondrien und andere Organelle mit eigenem Erbgut in den Zellen entwickelt haben könnten. Die Evolutionstheorie half nicht. Man konnte keine schrittweise Entwicklung erkennen.

Lynn Margulis, die amerikanische Forscherin, fand die richtige Antwort in den 70er Jahren und hat daraus eine Theorie des Lebens entwickelt, die inzwischen nicht mehr zu bestreiten ist. Dieser erste große Fortschritt in der Weiterentwicklung von Bakterien in Richtung weiterer Differenzierung ist einer symbiotischen Beziehung zweier verschiedener Lebewesen zu verdanken, einem Miteinander. Er ist nicht die Folge eines Kampf ums Dasein im Sinne von „einer bringt den anderen um“.

Zwei Lebewesen hatten gemeinsame Interessen und taten sich zusammen zu beiderseitigem Vorteil. Miteinander und Solidarität standen am Beginn der Artenvielfalt. Sie überwogen auf dem Weg der weiteren Entwicklung den Kampf ums Dasein, der aber damit nicht ausgeschaltet ist. Er findet weiter statt.

Beide Erklärungen für die Entwicklung der Arten, die von Darwin und die von Margulis, ergänzen sich in idealer Weise. Heute steht die Erklärung in jedem Lehrbuch. Niemand hätte jemals einen Nobelpreis mehr verdient als Margulis für diese Entdeckung.

Es sind nun nicht nur diese aeroben Bakterien, die in anderen Bakterien eine Heimat fanden. Dasselbe gilt für die Chloroplasten, die wir in Pflanzen finden, wo sie über die Photosynthese aus Wasser, CO2 und Sonnenenergie Zucker produzieren. Ihre Bedeutung ist noch viel grundlegender und komplexer, denn letztlich geht alles mehrzellige Leben auf die Pflanzen zurück. Und Pflanzen schaffen die Voraussetzung für die Existenz der Tiere, zuerst der Pflanzenfresser, dann der Tierfresser. Leben auf der Erde wäre ohne diese Gemeinschaft schlechthin unmöglich.

Nun sind das nur zwei Beispiele. Es gibt viele mehr. Denn keineswegs ist es so, dass sich alles Erbgut einzig im Kern und den genannten Organellen aufhält. Man findet es auch in anderen Kompartimenten. Mit diesem Thema hat sich Prof. Werner Schwemmler, früher Freie Universität Berlin, befasst und die Ergebnisse 1992 in seinem Buch Symbiogenese als Motor der Evolution veröffentlich.

Jedes unserer Tiere besteht aus etwa 30 Billionen Zellen, die zu etwa 200 verschiedenen Zelltypen spezialisiert sind. Das gilt auch für unseren Körper. Der Grundaufbau ist bei allen Zellen derselbe. In jeder Zelle befindet sich ein Kern, der von einer Membran umgeben ist. Bakterien haben noch keinen Kern, sondern ihre DNA liegt in einem Ring vor. Im Zellplasma sind sog. Kompartimente, auch Organelle genannt, durch Membrane abgeteilt. Sie erfüllen spezielle Aufgaben.

Der Kern ist überwiegend für die Vererbung zuständig, die Mitochondrien für die Energiegewinnung, weitere Kompartimente erfüllen andere Aufgaben. Sie alle enthalten DNA. Woher kommt die? Und warum konzentriert sich DNA nicht ausschließlich im Zellkern, wie man annehmen sollte?

Nach der Klassischen Zellhypothese wird angenommen, dass schon am Anfang des Lebens ein ausdifferenzierter, gewissermaßen vollständiger Zellorganismus gestanden hat, in dem auch die Kompartimente schon vorhanden waren. Dieser Urorganismus hätte sich und seine Organelle inkl. dem Kern dann durch Vervielfachung und Veränderung der Gene, also Mutationen, immer weiter entwickelt bis hin zu unseren spezialisierten Zellen und den verschiedenen Arten.

Darwin und auch die Neodarwinisten, die von der Endosymbiose noch nichts wussten, nahmen an, dass die Entstehung der Arten ein kontinuierlicher Prozess mit fließenden Übergängen war. Entwicklungssprünge lässt diese Theorie nicht zu. Bei der Endosymbiontentheorie gibt es Sprünge.

Wie wir nun schon von den Mitochondrien und den Chloroplasten wissen, spricht viel mehr dafür, dass sich die Urformen der Zellen durch Einverleibung verschiedener anderer Zellen mit speziellen Fähigkeiten, also durch Endosymbiose, zu unterschiedlichen Zelltypen differenziert haben. Das ist jedesmal ein Entwicklungssprung.

Die Vereinigung von verschiedenen Zelltypen mit speziellen Fähigkeiten hat von Anbeginn an für beide Partner große Vorteile gebracht, es durfte nicht mehr nur die eine Zelle der anderen als Futter dienen. Gemeinsam, also vereint, konnten sie sich schneller auf Veränderungen der Lebensbedingungen einstellen, sich anpassen und überleben. Dieser Prozess der Endosymbiose ist bis heute nicht abgeschlossen, er findet immer wieder statt, wie inzwischen nachgewiesen wurde. Auch die Aufnahme von Virusmaterial, gewissermaßen wanderndem Erbgut, gehört hierher.

So also wird die Evolution in Gang gekommen sein und auf dieser Ebene weiter fortschreiten. Und weil sich bei jeder Vermehrung durch Teilung die Tochterzellen ein wenig unterscheiden, konnten die am besten angepassten überleben und sich fortpflanzen. Die Evolutionstheorie nach Darwin und die Theorie der Symbiogenese widersprechen sich also nicht, sondern ergänzen sich.

Epigenetik

In den vergangenen 20 Jahren haben sich Wissenschaftler intensiv mit der Epigenetik befasst. Sie haben herausgefunden, dass Gene durch bestimmte Mechanismen ein- und ausgeschaltet, ihre Aktivität verstärkt oder reduziert werden kann. Das geschieht als Reaktion auf veränderte Umweltbedingungen. Und sie fanden heraus, dass diese Veränderungen, die an den Genen selbst ja nichts verändern, über mehrere Generationen vererbt werden können. Vor einigen Jahren hätte man das noch für absurd erklärt und darüber gelacht.

Ob sich solche Veränderung möglicherweise auch auf Dauer manifestieren können, also nicht nur einige Generationen lang aktiv sind, sondern fest vererbbar, wird sich zeigen. Lässt man nun diese Erkenntnisse der Epigenetik mit in eine Theorie der Evolution einfließen, lassen sich alle Unklarheiten, wie eine aktive Anpassung an Umweltbedingungen, die ja bisher für unmöglich gehalten wurde, beseitigen und Widersprüche können aufgelöst werden.

Der Kampf ums Dasein, ums Überleben, ist dabei auch weiterhin ein wichtiger Motor, der aber als Erklärung für die Entstehung der Arten alleine nicht reicht.

In diesem Zusammenhang sei mal am Rande darauf hingewiesen, dass Antibiotika gegen Bakterien eingesetzt werden. Man muss sich also kritisch fragen, wie weit diese Mittel auf Zellorganelle, insbes. Mitochondrien wirken bis hin zu deren Vernichtung. Bekannt ist ja das Phänomen der extremen Müdigkeit und von Leberschäden nach der Verabreichung mancher dieser Mittel.

Heute wird zunehmend so getan, als könne man zwischen guten und schlechten Lebewesen unterscheiden, solchen, die gebraucht werden und solchen, die überflüssig sind. Die störenden nennen wir Unkraut, Ungeziefer, Schmarotzer ... Wir tun das mit einer Absolutheit, als wären wir mit unseren Erkenntnissen und unserem Verständnis der Natur und ihrer Schöpferfähigkeit weit überlegen, als stecke die voller Irrtümer. Und das mit der Konsequenz, dass wir ständig in diese „fehlerhafte Ordnung“ eingreifen und sie korrigieren.

Parasitismus

Wir tun das vor allem mit tausenden chemischen Giften, aber auch mit Genmanipulationen und physikalischen Methoden, deren Folgen wir noch längst nicht abschätzen können. Über Parasiten meinen die meisten Tierhalter gut informiert zu sein. Sie wurden dazu angehalten, darin grundsätzlich gefährlichste Feinde zu sehen und sie ständig zu bekämpfen. Das geschieht bei unseren Tieren mit dem regelmäßigen Einsatz von chemischen Wurmkuren, mit Impfungen, Spot-Ons und Giften über den Verdauungstrakt und die Blutbahn.

Was ist überhaupt Parasitismus, zu deutsch Schmarotzertum? Im Kompaktlexikon der Biologie findet sich diese Definition:

„P. ist eine Beziehung zwischen einzelnen Individuen oder Gruppen, bei der ein Partner, der Parasit, auf Kosten des Wirtes einseitig Nutzen zieht. Der Parasit ist physiologisch vom Wirt abhängig und ernährt sich von dessen organischer Substanz. Der Wirt erleidet in jedem Fall Nachteile, wird jedoch nicht getötet. Ausnahmen sind Parasitoiden, z.B. Schlupfwespe und Raupe.“

Im Gegensatz dazu ist wenig über Symbiosen bekannt. Darüber wird weniger gesprochen. Immerhin werden im Fernsehen hin und wieder beeindruckende Filme über Symbiosen gezeigt. Auch das Buch von Reichholf, Symbiosen, hilft ein Stück weiter.

So langsam wird damit die Blickrichtung von Konkurrenz, Gegnerschaft, auf Kooperation, Miteinander und die gegenseitigen Abhängigkeiten gelenkt.

In dieser Definition des Parasitismus aber gibt es nur eine Richtung: „Der Wirt erleidet in jedem Fall Nachteile“, so heißt es. Immer ist einer der Nutznießer und der andere der Geschädigte. Von Vorteilen für beide Seiten ist keine Rede. So einfach ist das.

Demnach ist die Natur ein grausamer Kriegsschauplatz, und wir gliedern uns mit unseren ständig eingesetzten Bekämpfungsmethoden da ein. Dieses Grundverständnis ist nicht zuletzt eine Folge des „struggle for life“ der Evolutionstheorie, die völlig verinnerlicht wurde. Der „Kampf ums Dasein“ wurde uns schon in der Schule als Grundprinzip gelehrt. Gemeint hat Darwin mit „survival of the fittest“ zwar das Überleben des Klügsten, des am besten Angepassten, und nicht nur des Stärksten. Seine Theorie war also nicht auf Mord und Totschlag angelegt.

So komplex zu denken und danach zu handeln, überfordert aber die meisten Menschen. Kampf ums Dasein lässt sich wesentlich leichter vermitteln und besser vermarkten. Wir werden ständig dazu gedrängt, Krieg zu führen. Die Tierhalter werden per Post oder Anruf daran erinnert, den Dauerkrieg gegen Würmer, Zecken, Flöhe und Infektionen nur nicht zu unterbrechen. Die Landwirte führen den Dauerkrieg gegen Pilzinfektionen, gegen Insekten und Spinnen, auch gegen Würmer und vor allem gegen Pflanzen. „Unkräuter“ haben keine Lobby.

Unkräuter dürfen ohne Gewissensbisse vernichtet werden, da kennen wir kein Pardon, dafür manipulieren wir auch genetisch, ohne die langfristigen Folgen zu kennen. Wie dabei die Gemeinschaft der Pflanzen z.B. einer Wiese und der von ihnen lebenden Tiere, der Insekten, Spinnen, genauso auch der Pferde zerstört wird, interessiert kaum jemanden. Pferdehalter können die Folgen allerdings am Gesundheitszustand ihrer Pferde erkennen, wenn sie denn den Zusammenhang herstellen können.

Allen Lebewesen, die uns in irgendeiner Weise stören, sprechen wir die Existenzberechtigung rundweg ab. Totschlagen ist die Devise. Und Krieg führen bedeutet immer riesige Gewinne, egal ob bei der Bekämpfung von natürlichen Feinden oder Kriegen zwischen Menschen. Und weil nun Krieg ausnahmslos immer Schäden hinterlässt, müssen die ja wieder repariert werden, auch in der Medizin. Ein Dauergeschäft.

Wer in Kriegen denkt und handelt, der kann sich nicht vorstellen, was Lynn Marguilis geschrieben hat: dass nämlich jeder Parasit anstrebt, zu einem Symbionten zu werden, zumindest aber den Wirt nicht lebensgefährlich zu schädigen. Obwohl das zu verstehen gar nicht so schwierig ist. Denn welches Interesse kann der Parasit haben, seinen Wirt und damit seine Lebensbasis zu vernichten?! Es gibt Ausnahmen, wie immer. Die bestätigen diese Regel.

Unser gesamtes Denken wird von klein an in diese falsche Richtung des Bekämpfens gelenkt. Wir werden geschäftsfähig gemacht im Interesse der Hersteller dieser Mittel. Nach einer jahrzehntelangen Infiltration fällt es den meisten Menschen schwer, eine ganzheitliche Sichtweise einzunehmen, um die Komplexität eines biologisch funktionsfähigen Systems zu verstehen. Vielen gelingt es gar nicht mehr. Sie sind festgefahren.

Für eine solche Änderung wäre die erste Voraussetzung Achtung vor dem Leben, vor allem Leben. Alle Lebewesen müssen als notwendig im großen Gefüge der Arten erkannt werden. Das müsste uns nicht daran hindern, gezielt, aber maßvoll vorzugehen, wenn unsere Interessen zu stark beeinträchtigt würden. Es wäre z.B. sinnvoll, mal wieder darüber nachzudenken, ob sog. Krankheitserreger nicht für die Gesundheit eines Körpers eine wichtige, vielleicht sogar unerlässliche Aufgabe erfüllen mit dem Ziel, seine Immunabwehr zu Höchstleistungen zu provozieren und so zur Genesung und letztlich zur Stärkung des gesamten Organismus beizutragen. Gelingt es dem Körper bei diesem Prozess nicht, mit ihrer Hilfe seine innere Balance wiederzufinden, muss er an der Vergiftung durch die Bakterien zugrunde gehen. Aus Sicht der Evolution gehörte er nicht zu „the fittest“. Ein Selektionsprozess also.

Könnte es erkennbar dazu kommen, stünden Antibiotika als Hilfen zur Verfügung. Wenn wir damit ein Leben retten können, ist der Einsatz richtig und nötig. Diese Vorstellung passt viel besser in die Vernetzung und das Bestreben nach innerer Balance als die Feindtheorie, dass Bakterien vor allem Mörder sind und nichts anderes verfolgen, als ihren Wirt umzubringen.

Wenn es um sog. Parasiten geht, setzen wir das Lebensrecht der einen Art grundsätzlich über das der anderen. Wie absurd das wird, erkennen wir gegenwärtig daran, dass die Anzahl der Insekten – sowohl der Arten als auch der Individuen – nach neueren Erkenntnissen um bis zu 70 % geschrumpft ist, andere Quellen sprechen bereits von 90 %. Wir haben sie systematisch vergiftet und tun es immer noch. Wir streben eine 100%-Lösung bei der Vernichtung aller großen und kleinen „Schädlinge“ an.

Dabei haben wir bei unseren Rundumschlägen keineswegs nur die vernichtet, die uns Ärger bereiten, sondern alle. Die erwünschten, ihre Fressfeinde, die sich nur langsam vermehren, erlitten bei der Bekämpfung der Schädlinge einen Kollateralschaden, von dem sie sich kaum erholen können. Schon deshalb verlieren wir diesen Krieg, ja, wir haben ihn längst verloren. Das alles hatte auch zur Folge, dass nun die Vögel verhungern und kaum mehr Nachwuchs großziehen. Ähnlich ist es auch bei Insekten, die von anderen Insekten leben, wie den Schlupfwespen. Vögel und solche spezialisierten Insekten könnten unsere großartigen Helfer sein im Bemühen ums Gleichgewicht mit den sog. Schädlingen im Landbau und im Garten. Die Artenzahl der Vögel und die Anzahl der Vögel ist genauso geschrumpft wie die der Insekten.

Übrig bleiben letztlich solche Insekten, die schnell gegen Gifte resistent werden und die sich nach einer Vernichtungskampagne rasch erholen. Wir werden von falschen Interessen geleitet, die nicht mit den Prinzipien der Natur vereinbar sind und letztlich auch nicht mit unseren eigenen langfristigen Interessen.

Nun ist es ja so, dass die Parasiten nicht erst seit kurzer Zeit existieren, also wie Hagelkörner vom Himmel gefallen sind, sondern sie sind mit ihren Wirten seit hunderttausenden oder gar Millionen von Jahren vergesellschaftet, aneinander angepasst, und sie sind voneinander abhängig. Wirte und Parasiten haben eine Koevolution durchgemacht und machen die immer noch durch. Solange Leben währt, ändert sich das nicht. Koevolution ist eine gemeinsame Entwicklung mit gegenseitiger Beeinflussung und Kooperation.

Viele hegen den Wunsch, alle Lebewesen, die uns oder unseren Tieren einen Schaden zufügen können oder könnten, von der Erde verschwinden zu lassen. Sie stellen z.B. die Frage, was für einen Sinn denn die Darmwürmer haben oder die Mücken, die Bremsen, und erst recht die Zecken? Oder die vielen sogenannten Unkräuter. Welchen Sinn haben Krankheitserreger wie die Pestbakterien oder Einzeller wie Giardien und Leishmanien? Die Aufzählung ließe sich beliebig lange fortsetzen.

Punktuell betrachtet, kann man die Frage und den Wunsch verstehen. Aber letztlich geht es immer ums biologische Gleichgewicht in einem Biotop und dazu gehört auch Regulierung. Keine Art darf sich unkontrolliert vermehren. Das verhindern z.B. Seuchen. Schaden und Nutzen, über längere Zeit betrachtet, halten sich die Waage. Wäre es anders, müsste jedes System kollabieren.

Inzwischen durften wir lernen, dass Darmwürmer keineswegs nur Schaden anrichten, sondern das Immunsystem im Darm von Kindern frühzeitig stimulieren und so vor Autoimmunerkrankungen des Darms wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa bewahren können. Beide Erkrankungen galten als unheilbar. Bei Menschen hat man das inzwischen intensiv erforscht, insbes. an der Chariteé in Berlin, und herausgefunden, dass die Abwesenheit der Würmer im Kindesalter die Anfälligkeit für diese Allergien fördert.

Dafür spricht auch, dass ältere Menschen, die in der Kindheit noch häufiger mit Würmern zu tun hatten, kaum an Allergien leiden. Man hat daraus gelernt und eine Therapie entwickelt, indem man Patienten mit solchen allergischen Darmreaktionen mit dem Schweinepeitschenwurm infiziert. Der kann sich im Darm zwar entwickeln, aber nicht lange überleben. Der Mensch ist ein Fehlwirt. Bis zum Absterben aber haben die Würmer ihre Pflicht erfüllt. Sie haben das Immunsystem auf die richtigen Gegner gelenkt und weg vom köpereigenen Gewebe. Soweit die Theorie. In der Praxis hat sich das wohl in einigen Fällen bestätigt.

Es ist zu vermuten, dass die ständige Entwurmung bei Hunden, Katzen und Pferden, vor allem schon in der Welpen- bzw. Fohlenzeit, ebenfalls zu Störungen des Immunsystems führt. Das kann sich dann gegen den eigenen Körper wenden, was sich in Allergien äußert. Die vielen Darmerkrankungen unserer Haustiere könnten darauf hinweisen.

Die Definition von Parasitismus im Lexikon und in der Alltagssprache ist grober Unsinn. Denn außer Pflanzen leben ja alle von anderen Lebewesen, sie fügen denen also einen irreparablen Schaden zu und haben selbst nur Vorteile. Und sogar bei Pflanzen gibt es solche, die das auch tun. Man muss schon etwas tiefer denken. Diese Definition ist von einer negativen Grundeinstellung der Natur gegenüber getragen und sie führt auch zu einer solchen. Das ist gefährlich und verwerflich. Es mangelt an Selbstkritik.

Mit einer derart negativen Grundhaltung kann man die Natur nicht verstehen, damit kann man nicht Biologe, nicht Arzt sein. Man muss beide Seiten sehen und gleich gewichten. Erst seit kurzem geht man über diese Sicht- und Forschungsweise hinaus. Parasiten waren entscheidend für die Evolution, sie haben physiologische Prozesse gefördert, die Funktionen des Immunsystems provoziert, Verhalten gesteuert und so die Anpassungsprozesse von Lebewesen an ihren Lebensraum bestimmt. Sie sind bis ins Erbgut und ins Gehirn vorgedrungen und haben so die Evolution beeinflusst. Ohne Parasiten hätte es keine Entwicklung gegeben. Wer verurteilen will, muss immer Anteile des komplexen Netzes ausklammern.

Immer sind das übergeordnete biologische Notwendigkeiten. Eine starke Vermehrung von Mäusen gibt Bussarden und Füchsen eine Chance, mehr Junge aufzuziehen. Viele Läuse ernähren Vögel. Wohin man schaut, gelten diese Prinzipien. Schauen wir uns nun mal einige symbiotische Lebensgemeinschaften an, an denen wir direkt teilhaben.

Eine solche ist der eigene Körper. Jedes Lebewesen ist ein Multividuum, kein Individuum. Zig Billionen Körperzellen sind vergesellschaftet mit zehnmal mehr Fremdzellen in Form von Bakterien, Pilzen, Einzellern und eben auch Würmern.

Genauer betrachtet muss man in Zweifel geraten, ob wir mit einem Pferd eigentlich ein Pferd vor uns haben oder doch eher eine riesige Ansammlung von Bakterien und anderen Lebewesen. Alle diese vergesellschafteten Lebewesen interagieren miteinander, jedes für sich egoistisch, aber für die Gesamtheit altruistisch. Immer im Interesse des Überlebens. Sie bilden eine Einheit auf höherer Ebene, und sie arbeiten gemeinsam für deren Erhalt. Alle gemeinsam sind für das gelingende Leben nötig. Biologisch betrachtet ist das Tier also nicht das Tier, sondern ein riesiges Ökosystem aus vielen Zig Billionen Lebewesen. Und diese Körper sind wiederum in größeren Ökosystemen angesiedelt.

Eine andere symbiotische Beziehung begegnet uns ständig. Denken Sie an Hummeln und Bienen und die viele anderen fliegenden Insekten, die auszurotten wir im Begriff sind. Sowohl die Blütenpflanzen als auch die Bienen und nicht zuletzt wir Menschen und alle Tiere, die von den Früchten leben, haben Vorteile davon, Nachteile hat keiner.

Es gibt Symbiosen, bei denen die Partner so extrem aufeinander angewiesen sind, dass der Verlust des einen zum Aussterben des anderen führt. Im südamerikanischen Urwald wächst die Paranuss und auf dem Boden leben Agutis, kleine scharfzähnige Nagetiere. Die Früchte der Paranussbäume sind extrem hart und nur von den Agutis zu öffnen. Die fressen dann einige der Früchte, aber es bleiben genügend übrig, um aus den Samen junge Bäume keimen zu lassen. So ist die Generationenfolge gewährleitet. Verschwände das Aguti, müsste diese Baumart aussterben.

Auf falschen Moralvorstellungen aufgebautes Gutmenschentum kann zu verheerenden Störungen in der Natur führen, wenn wir meinen, die Natur korrigieren zu müssen. Der Wolf jagt das Reh. Aus Sicht der Rehe ist er ein Schmarotzer. Nur der Wolf hat Vorteile, so scheint es. Aber ist es sinnvoll, ein Reh oder sein Kitz vor dem Wolf zu schützen, und wenn sie noch so sehr unser Mitleid erregen? Die hungrigen wartenden Welpen täten es auch. Und ist es nicht der Wolf, der in einem natürlichen Gefüge die Anzahl der Rehe reguliert und damit die Bäume und den Wald schützt?

Wohin wir auch schauen, dies Prinzip ist überall gültig und erkennbar. Wie wir Menschen wurden, was wir sind, verdanken wir Symbiosen mit Tieren, die sich mit uns oder wir uns mit ihnen verbunden haben. Pauschal sprechen wir von Domestikation.

Der Wolf schloss sich dem Menschen vermutlich schon vor 100 000 Jahren an. Rudel folgten den Horden der Menschen, wohin die wanderten, und blieben im Umkreis ihrer Niederlassungen. Es wird einige tausend Generationen gedauert haben, bis die Menschen der Vorzeit gelernt hatten, aktiv in den Prozess der Selbstdomestikation einzugreifen. Da war der Wolf schon längst Wolfshund und unentbehrlich geworden. Ohne den Hund hätten wir keinen Eingang in die Zivilisation gefunden. Erst mit ihm wurde es möglich, Siedlungen, Dörfer und Städte zu bauen und das Leben darin und die Ernährung zu sichern.

Hunde wurden zu Beschützern der Menschen und der Herden, wurden zu unentbehrlichen Helfern bei der Jagd, mussten Lasten tragen oder ziehen, lieferten Wärme in kalten Nächten. So sprechen die Aborigines von einer Drei- oder Vierhundenacht, weil so viele Hunde nötig sind, um einen Menschen zu wärmen. Und Hunde wurden auch gezüchtet als Fleischlieferanten, und gegessen. Fundstätten von Knochen beweisen das. Für die Kinder der Steinzeit waren die Welpen sicher auch Schmusetiere, denn das Kindchenschema galt auch damals schon.

Mit Katzen lief es später ähnlich ab. Menschen boten Schutz, und Mäuse und Ratten in den Siedlungen leichte Beute. Auch heute sind die Symbiosen mit unsere Haustieren nicht aufgelöst. Pferd und Hund und Katze haben zwar mit der Technisierung in vielen Ländern ihre frühere Bedeutung verloren. Bei uns und inzwischen auch in anderen Ländern haben sie dafür eine nicht weniger wichtige gefunden. Sie sind zu Seelenwärmern geworden, ohne die viele Menschen völlig vereinsamen würden. Auch die Pferde haben in vielen Ländern ihre früheren Aufgaben verloren, man hat ihnen aber neue zugewiesen. Wenn sie nicht zu Sportgeräten degradiert werden, sind sie wichtige Partner und Freunde bei sportlicher Betätigung. Auch das sind Symbiosen.

Nicht immer haben die Menschen sich an die Regeln der Kooperation und Partnerschaft gehalten. Sie haben die Symbiose aufgekündigt und beuten die Tiere aus.

Besonders schlimm ergangen ist es allen Nutztieren, die mit ihrem Körper als Lieferanten von Produkten dienen. Sie sind zu Fleisch-, Milch- und Eierproduzenten degradiert worden, zu Maschinen, die Leistung bringen müssen. Da ist von einer Symbiose nichts geblieben. Man kann die Haltung von Geflügel und Schweinen in vielen Fällen nur noch als totale Perversion bezeichnen. Wir Menschen haben uns mit der Massentierhaltung im wahrsten Sinne der obigen Definition zu Schmarotzern gemacht.

Was ich mir wünsche

Wenn Sie zukünftig auf die Geschehnisse in der Natur, auf Pflanzen und Tiere schauen und auch über die Prozesse in der Natur und ihre Geheimnisse nachdenken, dann tun Sie es aus der Sicht, dass alles eine Ganzheit bildet, die durch das Streben nach Gleichgewicht geprägt ist. Balance ist das oberste Prinzip.

Jedes Leben braucht zur Erhaltung Nahrung. Deshalb gehören Sterben und Töten notwendig auch dazu, denn Fressen bedeutet Töten, ob Tiere oder Pflanzen. Töten aber muss eine Notwendigkeit und damit eine Rechtfertigung haben. Niemals darf es sinnlos, leichtfertig oder gefühllos geschehen.

Klaus-Rainer Töllner, Biologe

Auswahl einiger Bücher zu diesem Thema

"Die andere Evolution", Lynn Margulis, Spektrum Akademischer Verlag

"Leben - Vom Ursprung zur Vielfalt", Lynn Margulis/Darion Sagan, Spektrum Akademischer Verlag

"Das Gaia-Prinzip: die Biographie unseres Planeten", James Lovelock, Verlag Artemis & Winkler, Zürich

"Gaia - Die Erde ist ein Lebewesen", James Lovelock, Scherz Verlag

"Gaias Rache", James Lovelock, List Verlag

"Life Counts - Eine globale Bilanz des Lebens", Berlin-Verlag

"Symbiosen", Johann Brandstetter, Josef H. Reichholf, Mathes & Seitz Berlin

"Symbiogenese", Werner Schwemmler, Paul Parey

"Vom mechanistischen zum organischen Denken", Werner Merker, MV-Wissenschaft

"Ökosystem Darm" J. Bockemühl et. al., Springer Verlag Berlin

"Die Psycho-Trojaner", Monika Niehaus/Andrea Pfuhl, S. Hirzel Verlag

"Exzentriker des Lebens", Michael Groß, Spektrum Verlag

09.10.2017

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