Deutschland, deine Hundeschulen - Teil 2

Markt der Möglichkeiten: Hundetrainer­ausbildung in Deutschland

In Teil 1 unserer Artikelserie haben wir das Problem der Qualifizierung und der damit verbundenen Qualität der Lehre der Hundetrainer und Hundeschulbesitzer bereits umrissen.

Einen guten Unterricht, verständliche und individuell angepasste Trainingseinheiten wird nur bieten können, wer eine fachlich und methodisch fundierte Ausbildung genossen hat. Selbst das größte Naturtalent wird bald an seine Grenzen stoßen, wenn es schwierige Trainingssituationen zu meistern gilt.

Alle lehrenden Berufe enthalten in ihren Ausbildungsplänen aus gutem Grund Praxisphasen, in denen das theoretische Wissen „am lebenden Objekt“ erprobt werden kann.

Sollen diese Praxisanteile sinnvoll sein, dann erfordern sie beständige kritisch-konstruktive Begleitung, also jemanden, der genau beim Training und Unterricht hinschaut und anschließend dem angehenden Trainer Feedback gibt. Die Hundetrainerausbildungen, die in Deutschland angeboten werden, sind von solch professionellen Ansprüchen und fachlichen Standards oft weit entfernt. Als Kunde einer Hundeschule lässt sich leicht von Etiketten wie „zertifizierter Hundetherapeut“, „ausgebildeter Verhaltensberater“ oder „studierter Hundepsychologe“ blenden. Klingt doch gut und kompetent – oder?! Die Frage ist jedoch: Wer zertifiziert eigentlich und was wurde genau inhaltlich und fachlich vermittelt und wie lange hat der angehende Trainer unter welchen Rahmenbedingungen gelernt?

Schaut man unter diesen Fragestellungen die angebotenen Ausbildungen an, dann hat man nicht das Gefühl, dass die Hundetrainerausbildung gut aufgestellt ist. Die Anbieter solcher Trainerausbildungen verlangen in der Regel zwischen 1500 und 6000 Euro für ihr Angebot, es gibt auch einige wenige, die deutlich darüberliegen. Die teure Ausbildung muss dabei nicht unbedingt inhaltlich besser sein – sie umfasst oft nur mehr Unterrichtsmaterial oder mehr Präsenzveranstaltungen.

Letztere sind auch nicht in jeder Ausbildung Pflicht, in den meisten jedoch ist der Besuch von Seminarveranstaltungen zumindest vorgesehen. Eine praktische Ausbildung, die also den künftigen Trainer in seiner Trainingsausübung am Kunden begleitet, gibt es oft nicht. Sie ist auch schlechterdings zu kostenintensiv für ein Unternehmen, das betriebswirtschaftlich handelt und nach Gewinnmaximierung mit dem Ausbildungsangebot strebt.

Im Gegensatz zu staatlich anerkannten Ausbildungen in anderen Bereichen gibt es auch keine Zulassungsbeschränkungen, was die Vorbildung (also Schulabschluss o. ä.) anbetrifft. Jeder, der sich berufen fühlt, kann bei den meisten Anbietern die Ausbildung oder ein „Studium“ aufnehmen. Man darf dabei nicht vergessen: Die Anbieter solcher Hundetrainerausbildungen verdienen ihr Geld damit. Es wäre unter unternehmerischen Gesichtspunkten töricht, den Kundenkreis einzuschränken.

Man darf ebenso getrost unterstellen: Wer zahlender Kunde ist, der kann auch erwarten, dass am Ende ein Abschluss vergeben wird. Wäre dies wiederholt nicht der Fall, wäre das für das anbietende Unternehmen geschäftsschädigend. Dessen muss man sich als Kunde bewusst sein – das Diplom an der Wand verrät nicht unbedingt, dass der Trainer seine Ausbildung auch gut absolviert hat.

Eine Durchfall-Option wie bei schulischen und beruflichen Abschlüssen gibt es nicht im vergleichbaren Maße. Oftmals steht am Ende der Ausbildung auch gar keine Prüfung oder zumindest keine im herkömmlichen Sinne. Es reicht mitunter, alle Trainingslektionen und/oder Seminarveranstaltungen absolviert zu haben. Ein Trainerzertifikat sagt also nichts darüber aus, ob jemand überhaupt an Mensch und Hund trainiert hat und erfolgreich gezeigt hat, dass er oder sie Wissen erworben hat und dies auch umsetzen kann. Der Kunde muss also genau hinschauen und sich informieren, welche Person/Schule, welches Ausbildungskonzept und welche Inhalte hinter einer solchen „Zertifizierung“ stecken.

Jede Trainerausbildung sollte kynologisches und lernpsychologisches Fachwissen vermitteln, also Wissen über Hunde, ihr Verhalten und die Art und Weise wie sie lernen. Letzteres ist auch für den Umgang mit dem Zweibeiner wichtig, denn Hundeschulen unterrichten in erster Linie Menschen mit Hund. Schauen wir zunächst auf das Fachwissen in Sachen Hund: Hier sind eklatante Unterschiede festzustellen. Die Grundlagen, auf denen die Fachausbildung fußt, sind bei erstaunlich vielen Anbietern nicht auf dem neusten Stand der Forschung und nicht umfassend.

Besonders eindrücklich lässt sich das am „Dominanz“-Begriff aufzeigen, der in vielen Trainerausbildungen noch eine entscheidende Rolle spielt. Der Hund, so wird unterstellt, strebe stets nach der „Alpha-Position“ in der „Rangordnung des Rudels“ und verhalte sich deswegen oftmals „dominant“ gegenüber dem Menschen, um dessen „Rudelführerschaft“ in Frage zu stellen. Der Hund müsse dementsprechend durch „Rang­reduktionsprogramme untergeordnet“ werden. Diese enthalten dann solche Empfehlungen wie „Der Mensch hat immer als Erster durch die Tür zu gehen“ oder „Der Hund darf nicht auf einem erhöhten Liegeplatz liegen“. Diese Ratschläge leiten sich aus veralteten Annahmen der Wolfsforschung ab.

Die Wölfe, die man beobachtete, lebten in Gehegen in zufällig gebildeten sozialen Gruppen – und somit in „Rudelverbänden“, wie sie in der Natur überhaupt nicht vorkommen. Freilebende Wolfsrudel zu beobachten ist schwer, aber in den letzten 20 Jahren ist man hier deutlich weiter gekommen und hat herausgefunden, dass in freier Wildbahn Wölfe in Familienverbänden zusammenleben – d. h. Wolfsrudel sind wie eine Familie strukturiert und werden durch die Elterntiere (beiderlei Geschlechts) über ein System der Arbeitsteilung souverän und ohne große Aggression geführt.

Wölfe sind auch keine Hunde – der Hund lebt seit Jahrtausenden in enger Verbundenheit mit dem Menschen. Auch hier sind in letzten Jahren neue Forschungsergebnisse veröffentlicht worden, die klar belegen, dass der Hund eben kein Wolf mehr ist. Dennoch vermitteln viele Ausbilder ihren Trainern nach wie vor die völlig veralteten Theorien. Wenn jemand ein solches, vom „Alphawolf“ geprägtes Hundebild im Kopf hat, dann wird auch die Ausbildungsmethodik darauf abgestellt sein – wer so denkt, meint auch, dass der „Leitwolf“ mit großer Strenge und klar maßregelnd vorgehen muss, was körperliche Einwirkung ausdrücklich einschließt.

Ein klassisches Beispiel hierfür ist der sog. „Alphawurf“, bei dem die Welpen mit Schwung auf den Rücken gedreht werden, wenn sie nicht gehorchen. Diesen Wurf gibt es unter Wölfen überhaupt nicht, ein Welpe, dem man so etwas antut, wird höchst verunsichert und ängstlich reagieren. Wenn die Trainerausbildung in Sachen Hundewelpen dann auch noch nur aus einer kurzen Unterweisung als Teil in einem sechsstündigen Seminar besteht, das auch noch Umgang mit Kunden vermitteln soll, dann weiß man, dass der Trainer durch diese Ausbildung weder fachlich noch vom Umfang her gut auf seine Aufgaben vorbereitet werden konnte.

Viele Trainerausbildungen sind von der Grundeinstellung der Ausbildungsmacher regelrecht wissenschaftsfeindlich. Erfahrung kann jedoch Wissen nicht ersetzen, sondern allenfalls ergänzen und nur solche Erfahrungen sind nützlich, die auf Grundlage von Wissen erworben wurden. Wer über Lernen und Lernprozesse gar nichts weiß, der wird z. B. vielleicht die Erfahrung machen, dass man mit gezieltem Niederdrücken einen Hund ins Sitz bringen kann. Aber er weiß nicht, warum das so funktioniert und was genau der Hund lernt und wie man es lerntheoretisch viel sinnvoller anders machen könnte.

Seien Sie auch auf der Hut, wenn sich eine Ausbildung als besonders „natürlich“ präsentiert – hinterfragen Sie solche Begriffe besonders kritisch. Dahinter verbirgt sich oft entweder das obengezeichnete Bild vom „Alphawolf“ Hund oder auch – besonders in jüngster Zeit grassierend – eine fast esoterisch angehauchte Sichtweise: „Energetische“ Verhaltenstherapie unterstützt durch Edelstein-Amulette für den Hund und Tierkommunikation sind alles andere als fachlich fundiert oder seriös.

Ein Etikett, das sich heute nahezu alle Trainerausbildungen anheften, ist „gewaltfrei“. Letztlich ist es auch hier wieder die Frage, wie man den Begriff für sich definiert. „Eine Ohrfeige hat noch keinem geschadet!“, ein Klaps, ein Zwicker in die Seite des Hundes – ist das schon körperliche Gewalt?! Wenn jemand mit Futterentzug arbeitet – ist der Hunger, den der Hund verspürt, Gewalt?! Der Ruck am Halsband – Gewalt?!

Fühlt dieser Hund sich wohl?Wenn jemand einen Hund körpersprachlich massiv bedrängt – ist dann das Meideverhalten des Hundes Ergebnis von Gewalt?! De facto arbeiten sehr viele der Trainerausbilder im Hundetraining nicht ohne physische und/oder psychische Gewalt im landläufigen Sinne. Ihre Definition ist lediglich eine weiter gefasste. Äußerungen wie „Das ist nicht so schlimm“ oder „Da muss der Hund mal durch“ zeugen nicht von breitem kynologischen und lernpsychologischem Fachwissen. Es gibt kein Verhaltensproblem, dass sich nicht für den Hund angenehmer und lerntheoretisch sinnvoller als mit Strafe und körperlicher Züchtigung beheben lässt.

Setzt man positive Verstärkung, also Belohnung gewünschten Verhaltens, gekonnt und wirkungsvoll ein, arbeitet der Hund nicht nur motivierter mit, sondern er lernt auch nachhaltiger, denn Stress und Angst hemmen Lernen. Strafe vermittelt dem Hund auch keine Information darüber, welches Verhalten gewünscht ist.
Außerdem entwickeln Hunde, die auf Grundlage positiver Verstärkung ausgebildet wurden, eine äußerst positive Grundeinstellung zum Menschen und zum Training – das hilft gerade in schwierigen Situationen sehr. Aber auch hier gilt: „Gewusst wie“ ist das A&O des Erfolges und dazu braucht es eine fundierte Ausbildung.

Doch auch Ausbildungen, die fachlich korrekt arbeiten, zeigen oftmals Schwächen in anderen Bereichen. An allererster Stelle ist da zu nennen, dass die Ausbildung zum Menschen-Trainer sträflich vernachlässigt wird. Die Anforderungen an den Trainer hinsichtlich des Umgangs mit Hunden und deren Menschen setzt hohe Kompetenz voraus, um sowohl dem Hund als auch dem Menschen gerecht zu werden. Um die Zweibeiner erfolgreich zu unterweisen, muss man kommunikativ sein, man muss sich auf andere individuell einstellen können und den Lernstoff so aufbereiten, dass er verstanden und umgesetzt werden kann.

Sprich: Man braucht didaktische Kompetenz und ein großes Methodenrepertoire. Viele Ausbildungen zum Hundetrainer thematisieren die Psychologie des Lernens nur am Rande, und oftmals wird der Fokus hier nur auf den Hund gelegt: Dieser solle z. B. „positiv bestärkt“ werden. Was solche Trainer dann im Umgang mit den Menschen machen, ist alles andere als positiv verstärkend. Es ist ihnen aber kaum zu verübeln, weil diese Brücke nicht gebaut wurde und vor allem die Frage, wie kritisiere ich denn, wenn ich positiv bestärkend sein will, in der Ausbildung nicht gestellt und auch nicht beantwortet wurde.

Stoffvermittlung, die Reduktion auf das Wesentliche, die Art und Weise, wie ich einem Menschen etwas erklären kann – und auch vor allem ihn dazu motiviere, das Training entsprechend durchzuführen und nachhaltig zu gestalten, das lernen die meisten angehenden Hundetrainer gar nicht und der Rest nur ganz am Rande.
Auch die Methoden, die vermittelt werden, sind oft sehr einseitig, so erlernt man in der Ausbildung nur „die“ eine Technik, wie man z. B. den Hund leinenführig bekommen kann. Diese Technik wiederum ist stark vom Hundebild geprägt, das die Ausbildung transportiert. Weitere werden jedoch nicht vorgestellt. Wer nur nach einem Schema instruieren kann, kommt oft nicht weit. Menschen lernen individuell unterschiedlich – Hunde auch. Dem muss man als Trainer Rechnung tragen können.

Das Fazit: Schauen Sie sich die Qualifikation des von Ihnen gewählten Trainers genau an. Fragen Sie ruhig nach, wo er oder sie seine bzw. ihre Ausbildung gemacht hat und fragen Sie nach Inhalten und Umfang. Ein Vergleich: Würden Sie Ihr Kind einem Lehrer anvertrauen, der keine fachliche Ausbildung genossen hat oder eventuell nur einen Kurzlehrgang absolviert hat, über keinerlei pädagogische Ausbildung verfügt und dessen praktische Erfahrung darauf basiert, dass er selbst ein Kind hat und vielleicht noch eine Fußballmannschaft trainiert hat?! Sicherlich würden Sie seine Kompetenz von Anfang in Frage stellen. Zu Recht…

Es gibt in Deutschland keinen Verbraucherschutz in Sachen Hundetraining. Sie sind hier auf sich selbst gestellt, die Spreu vom Weizen zu trennen. Aber es lohnt sich, die Zeit und Mühen in die Auswahl einer geeigneten Hundeschule zu investieren – wichtige Tipps dazu, worauf Sie konkret achten sollten, finden Sie im dritten und letzten Teil der Serie in der nächsten Ausgabe.

Denise Diehl & Kirsten Demski

Zurück zu Teil 1 - Der große graue Markt der Hundeschulen

Weiter zu Teil 3 - Die Auswahl einer geeigneten Hundeschule – Leitfaden

05.09.2017

Bildergalerie

Zurück zur Übersicht