Warum so mancher Hund vor dem vollen Napf verhungert

Der Appetit eines gesunden Hundes ist rasch beschrieben: Keine Leckerei ist vor ihm sicher – sei es nun der eigene, liebevoll gefüllte Napf, das Kaustängelchen, die Wurstsemmel des Besitzers oder ein unachtsam weggeworfenes Pausenbrot. Ein Hund frisst. Immer, alles und zu jeder Zeit. Normalerweise.

Tatsächlich begegnen uns in der Praxis aber häufig auch die gegenteiligen Fälle: Jene Tiere, die ihr Futter allenfalls mit spitzen Zähnen fressen, gerade so viel, dass sie nicht verhungern müssen. Eine mitreißende Lust am Fressen? Fehlanzeige! Hunde, die missmutig vor dem Napf sitzen, sind aber nicht unbedingt das Resultat einer fehlgeleiteten Hund-Halter-Beziehung und keine Erscheinung des konsumverdorbenen 21. Jahrhunderts – oftmals steckt hinter der Fressunlust ein körperliches Problem. Um zu klären, welche Problematiken des Verdauungstrakts hinter der anhaltenden Appetitlosigkeit unserer vierbeinigen Gefährten stecken können und welche Rolle die industrielle Fertignahrung spielt, werfen wir einen Blick auf die Anatomie des Hundes und ihre Besonderheiten.

Die Anatomie: Physiologisches Gerüst der Fallaufnahme

Der Verdauungstrakt des Hundes lässt sich in vier Abschnitte gliedern: Kopfdarm, Vorderdarm, Mitteldarm und Enddarm.

Der Kopfdarm besteht aus denjenigen Strukturen, die wir grob als „Maul“ zusammenfassen: Also Lefzen, Zähne, Zunge und Rachen. Auf der Zunge des Hundes finden sich die Geschmacksporen, mit denen der Hund seine Nahrung schmecken kann. Im Vergleich zum Menschen besitzt der Hund eine sehr geringe Anzahl an Geschmacksporen – sein Interesse an der chemischen Geschmacksintensität mancher Fertigfuttermittel hat also einen physiologischen Hintergrund.

Im Maul wird die Nahrung zerkleinert und mit dem Speichel vermischt, ehe sie durch die peristaltischen Bewegungen der Speiseröhre (Ösophagus) in den Magen gelangt. Untersuchungen haben ergeben, dass der Speichelfluss von unterschiedlichen Reizen stimuliert werden kann – dem Geruch und dem Anblick von Futter, aber auch vom bloßen Gedanken daran. Weitere Beobachtungen konnten zeigen, dass die Zusammensetzung des Speichels von der jeweils aufgenommen Nahrung abhängig ist: So produzieren Hunde, die vorwiegend mit Trockenfutter ernährt werden, ein wässriges Speichelsekret, während Hunde, die artgerecht mit Frischfleisch ernährt werden, einen vergleichsweise schleimigen Speichel absondern.

Durch den Speichel des Hundes wird die aufgenommene Nahrung in der Maulhöhle geringfügig vorverdaut; darüber hinaus enthält der Speichel die Enzyme Histatin und Lysozym, die desinfizierende Eigenschaften besitzen und Bakterien, Pilze und Keime bekämpfen können.

Nach der Passage durch die Speiseröhre gelangt der Nahrungsbrei (Chymus) durch den Schließmuskel (Cardia) in den Magen – ein Hohlorgan mit beträchtlicher Dehnungsfähigkeit, das im gefüllten Zustand bis zu einem Drittel des gesamten Bauchraumes einnehmen kann. Im Magen finden sich verschiedene Schleimhaut- und Muskelstrukturen sowie vielerlei Drüsen, die den Verdauungsvorgang einleiten.

Durch verschiedene Enzyme und die im Magen produzierte Salzsäure findet eine geringfügige Eiweißverdauung statt; im Magen selbst werden aber bis auf wenige fettlösliche Stoffe kaum Nährstoffe resorbiert, denn die überwiegende Verdauungsleistung des Organismus findet im Dünndarm statt.

Der vorverdaute Nahrungsbrei gelangt über den Magenausgang (Pylorus) in den Zwölffingerdarm (Duodenum), der der erste Abschnitt eben jenes Dünndarms ist. Bevor diese komplexe Darmstruktur jedoch mit ihrer Arbeit beginnen kann, muss der sehr saure Magensaft neutralisiert werden, damit die nachfolgenden Schleimhautstrukturen nicht verletzt werden. Hierbei leistet die Bauchspeicheldrüse wertvolle Dienste: Sie schüttet Wasser und Bicarbonat aus und puffert den sauren Nahrungsbrei damit ab.

Die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) spielt für den Gesamtorganismus eine elementare Rolle. Sie erfüllt zweierlei Aufgaben: Als endokrines Organ (endokrin = nach innen, auf die Hormone wirkend) produziert sie die Hormone Insulin und Glukagon und reguliert somit den Blutzuckerspiegel. In ihrer exokrinen Funktion (exokrin = nach außen abgebend) produziert und sezerniert die Bauchspeicheldrüse die Verdauungsenzyme Amylase zur Spaltung von Stärke, Lipase zur Spaltung von Nahrungsfetten sowie Proteasen zur Spaltung von Eiweißen.
Wird dieses hochspezialisierte und zentrale Stoffwechselorgan durch minderwertige Nahrung, durch intensive Medikation oder eine rigide Verabreichung chemischer Antiparasitika belastet und erkrankt es, so hat dies Konsequenzen für den gesamten Organismus.

Doch noch einmal zurück zu den Darmstrukturen: Im Dünndarm wird der Nahrungsbrei mit den Enzymen aus der Bauchspeicheldrüse vermischt und aufgespalten, ehe die Nährstoffe resorbiert werden können. Im Dickdarm findet schließlich eine weitere Resorption von Wasser statt, die bislang unverdauten Nahrungsbestandteile werden hier mit Bakterien vermischt und fermentiert.

Stark kohlenhdydrathaltige – und damit falsche – Ernährung kann bei Hunden zu schweren Krankheiten führenUntersuchungen haben ergeben, dass auch die Darmflorabesiedelung des Hundes abhängig ist von seiner Ernährung: Eine Vielzahl von Hunden, die mit stärkehaltigem Industriefutter ernährt werden, leiden unter zum Teil gravierenden Fehlbesiedelungen der Darmflora, die zu Blähungen, Bauchschmerzen und Koliken, weichem Kot und Durchfällen führen kann. In einem abwehrschwachen, da durch minderwertige Fütterung gereizten, Darm finden krank machende Keime wie Salmonellen oder Clostridien idealen Nährboden.

Die Kotanalyse: Instrumentarium des Ernährungstherapeuten

Aus der Menge, der Färbung und der Konsistenz der Hinterlassenschaften eines Hundes kann der erfahrene Ernährungstherapeut zahlreiche Aussagen über die Verdauungsleistung seines Patienten und den therapeutischen Handlungsbedarf treffen; diagnostische Sicherheit verschafft die Auswertung eines Kotprofils, das in einem Speziallabor in Auftrag gegeben wird. Es empfiehlt sich, neben der Untersuchung auf Parasiten und pathogene Krankheitskeime auch die Funktion der Bauchspeicheldrüse sowie die Besiedelung der Darmflora untersuchen zu lassen sowie den pH-Wert zu überprüfen. Bei Verdacht auf eine entzündliche Darmerkrankung können die Parameter Zonulin und Calprotectin bestimmt werden.

Wo liegt die Ursache für ein gestörtes Fressverhalten?

Im Praxisalltag erlebt man, dass viele Tierhalter die Fressunlust ihres Hundes als banale Charaktereigenschaft abtun – oder sie aber zu einer Form von Dominanzgebaren stilisieren. Indem wir eine Verhaltensauffälligkeit oder eine körperliche Abweichung lediglich psychologisieren, berauben wir uns und den Patienten der Möglichkeit, der eigentlichen Problematik auf die Schliche zu kommen und sie gründlich und nachhaltig zu therapieren.

Wir müssen uns im Miteinander immer bewusst machen, dass unsere Haustiere uns nicht tyrannisieren wollen. Werden sie durch ihr Verhalten auffällig, so handelt es sich meist um einen Kommunikationsversuch, der manchmal zurückhaltend und missverständlich ist, manchmal aber auch den berühmten Zaunpfahl nutzt.

Die Anamnese: Ein komplexes Puzzle als Therapieauftakt

Ein Hund, der ungern frisst, wird uns weitere Begleitsymptome präsentieren und unseren therapeutischen Blick auf die einzelnen Verdauungsabschnitte lenken. Gezielt sollten wir bei diesen Patienten auf Symptomatiken achten, die mit dem Magen im Zusammenhang stehen: Was beobachten wir neben einem mäkeligen Fressverhalten und womöglich gänzlicher Futterverweigerung? Wie häufig stellen sich die Beschwerden ein? Benötigt das Tier häufige Futterwechsel, um bei Laune gehalten zu werden? Frisst es Gras, Erde, Wurzeln? Beleckt es die Böden, die Wände? Können wir vermehrtes Schlecken, Schmatzen und Aufstoßen beobachten?

Handelt es sich um eine akute Problematik, so kann ein banaler Magen-Darm-Infekt dahinterstehen oder auch eine Magenschleimhautentzündung (Gastritis), die sich der Hund beispielsweise durch Schneefressen oder kühlschrankkaltes Futter zugezogen hat.

Kommen weitere Symptome wie Erbrechen, Schmerz und Fieber sowie eine sichtliche Reduktion des Allgemeinbefindens hinzu, so kann dies auf eine akute Bauchspeicheldrüsenentzündung (Pankreatitis) hinweisen, die der Tierarzt anhand spezifischer Blutparameter diagnostiziert.

Treten die Magensymptomatiken und das veränderte Fressverhalten in wiederkehrenden Episoden auf, so weist dies auf das Vorliegen einer systemischen Erkrankung hin.

Der „übersäuerte Magen“: Mythos der modernen Hundefütterung

Auffälliges Grasfressen, ein intensiver Maulgeruch sowie ein verändertes Fressverhalten können beim Hund Ausdruck eines Refluxes sein, bei dem Magensaft aufsteigt und die Schleimhautstrukturen der Speiseröhre verletzt. Ursache hierfür kann unter anderem eine Verschiebung des pH-Werts im Verdauungstrakt sein – hervorgerufen durch eine beträchtliche Fehlbesiedelung der Darmflora oder auch anhaltende Fütterungsfehler. Was wir als Symptome eines übersäuerten Magens deuten, ist beim Hund tatsächlich meist Ausdruck dafür, dass zu wenig Magensaft vorhanden ist; welche Probleme sollte aber ein Organismus, dessen natürliche Nahrung zu einem Großteil aus Fleisch und tierischen Strukturen besteht, mit einem sauren Magensaft haben, der eben diese Nahrung aufzuspalten vermag?

Einen nicht ausreichend sauren Magensaft finden wir vor allem bei Hunden, die überwiegend mit Fertigfutter ernährt werden oder jenen, die eine größere Menge an stärkehaltigen Futterkomponenten erhalten – z. B. wenn sich in deren Napf unnötigerweise Kartoffeln, Nudeln und Reis finden. Ein untersäuerter Magen steht am Anfang einer ganzen Reihe an Verdauungsstörungen, die den Hund am lustvollen Fressen hindern. Jedoch ist diese Problematik vergleichsweise einfach zu beheben: Es empfiehlt sich, die Nahrung umzustellen auf selbstgekochtes Fleisch und Gemüse, das in kleinen Schritten roher gelassen wird, bis Halter und Hund schließlich auf biologisch artgerechte Rohfütterung umsteigen können. Zur Linderung akuter Probleme eignen sich unter anderem Huminsäuren-Präparate, die dem Futter beigegeben werden, die Schleimhäute des Magen-Darm-Trakts beruhigen und den pH-Wert im Verdauungstrakt regulieren. Die Zufütterung von Bitterstoffen in Form von Löwenzahnsaft und bitteren Blattsalaten wie Radicchio oder Rucola kann helfen, die Magensaftsekretion anzuregen.

Lesen Sie in der Fortsetzung, welche weiteren Krankheiten die falsche Ernährung bei Hunden auslösen kann.

Franzisca Flattenhutter, Tierheilpraktikerin

31.08.2019

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