Neues zur Atypischen Weidemyopathie

- der mysteriöse Tod auf der Weide

Der mysteriöse Tod auf der Weide

Diese Muskelerkrankung bei Weidepferden fordert fast alljährlich im Herbst mehrere Pferdeleben. Fälle von Muskelerkrankungen unbekannter Ursachen bei Weidepferden wurden bereits 1976 in England und 1984 in Schottland beschrieben. Seit 1984 wird diese Erkrankung als „Atypische Weidemyopathie“ bezeichnet. In den Jahren 2000 bis 2008 sollen weltweit mindestens 750 Pferde an der Atypischen Weidemyopathie verendet sein! Da wundert es nicht, dass diese Erkrankung vielen Pferdehaltern Angst macht.

Die Weidemyopathie unterliegt offenbar keinen berechenbaren Zyklen. Im Herbst 1995/1996 wurde der bisher größte Krankheitsausbruch in Deutschland gemeldet: 111 der 115 erkrankten Pferde und Ponys überlebten nicht. Auch im Herbst 2004/2005 waren gehäuft Fälle zu verzeichnen.

„Atypische Weidemyopathie“ beschreibt folgenden Zustand: Die Pferde leiden an einer Muskelerkrankung (Myopathie) ohne vorangegangene körperliche Belastung – dies wäre typisch für die bislang bekannten Muskelerkrankungen bei Pferden. Und die Myopathie tritt ausschließlich bei Pferden in Weidehaltung auf. 

Die schnell voranschreitende Zerstörung aller Muskeln – auch des Herzmuskels – führt meist innerhalb von 3 Tagen zum Tod. Selbst sofortige symptomatische Therapie durch den Tierarzt mit durchblutungsfördernden und entzündungshemmenden Medikamenten (Kortison, Antibiotika) sowie Infusionen zur Stabilisierung des Elektrolythaushaltes und Nierenspülung können die Prognose der betroffenen Pferde im Allgemeinen nicht verbessern. Die Sterberate liegt mit mindestens 75% (eher 90 bis 95%) sehr hoch.

Symptome

Häufig werden folgende Symptome beobachtet, die jedoch nicht alle in jedem Krankheitsfall erscheinen müssen:

  • plötzliche Steifheit
  • Muskelzittern
  • schwankender Gang
  • Harn dunkelrot bis schokoladenbraun verfärbt (durch den Zerfall von Muskelgewebe wird der Muskelfarbstoff Myoglobin frei und über die Nieren mit dem Harn ausgeschieden)
  • oft bläulich-rot verfärbte Mundschleimhaut
  • Atembeschwerden
  • Schluckbeschwerden
  • Schweißausbrüche
  • kolikartige Symptome (Wälzen, Schwitzen, Hinlegen) bei weiterhin normalen Darmgeräuschen
  • Apathie
  • oftmals keine ausgeprägten Schmerzsymptome ( in diesem Zusammenhang ist zu fragen, warum dann schmerzlindernde Medikamente eingesetzt werden sollen?)
  • erhöhter Puls
  • z.T. deutliche Untertemperatur

Warum ist die Weidemyopathie unter Pferdebesitzern so gefürchtet?

Zum einen liegt die Ursache der Weidemyopathie immer noch im Dunkeln. Zwar existieren verschiedene Hypothesen (siehe unten). Der wahre Auslöser dieser Erkrankung wurde jedoch noch nicht gefunden. Zum anderen tritt die Atypische Weidemyopathie plötzlich und unvermutet auf. Sie unterliegt augenscheinlich keinerlei einschätzbaren periodischen Schwankungen. Allerdings gilt eines als gesichert: Die Muskelerkrankung tritt ausschließlich bei Weidetieren und nach einem plötzlichen Wetterumschwung (Kälteeinbruch, Nachtfrost) auf. Überwiegend also im Herbst von Oktober bis Dezember, seltener im Frühjahr von April bis Mai.

Die Beschaffenheit der Weiden spielt als Risikofaktor offenbar eine wichtige Rolle: Immer wurden abgegraste, überweidete, wenig gedüngte, verkotete und häufig auch nasse Weiden ohne Unterstand beobachtet, meist in Wäldern bzw. Waldrandnähe. Ebenso scheinen fehlende oder zu geringe Zufütterung von Heu und mangelnder Ernährungszustand (Nährstoff-, Mineralstoff- und/oder Vitaminmangel) die Erkrankung zu begünstigen. Jungpferde bis 3 Jahre und Pferde mit geschwächtem Immunsystem (Krankheit, Wurmbefall) sind laut allgemeinen Literaturangaben am stärksten betroffen.

Ungenügende, mangelhafte Fütterung hat natürlich eine Schwächung des Immunsystems zur Folge!

Ursachen

Einigkeit herrscht einzig in einem Punkt: Es soll sich um eine toxische Störung des Muskelstoffwechsels handeln. Aber welches Gift ist der Auslöser? Oder spielen unter Umständen mehrere Faktoren beim Ausbruch dieser meist tödlichen Erkrankung eine Rolle?

In den engeren Kreis möglicher Verdächtiger gelangten zwei Pflanzen: Ahornbäume und Deutsches Weidelgras. Zumindest eine dieser beiden Pflanzenarten war immer auf den Weiden bzw. in unmittelbarer Nähe vorhanden. Beide sind nachweislich toxisch (Deutsches Weidelgras siehe Endophyten).

Beim Menschen kann das Verzehren unreifer Früchte (= Samen) des Ackee-Fruchtbaums, der Nationalfrucht Jamaikas, zum Tode führen. Die Erkrankungssymptome sind denen der Weidemyopathie von Pferden ähnlich (Jamaikanische Brechkrankheit). Dieser Baum gehört zur selben botanischen Familie wie der Ahorn.

In Amerika beschränkten sich die Untersuchungen zunächst auf den ursprünglich in Nordamerika beheimateten Eschen-Ahorn (Acer negundo). Seit der Einfuhr nach Mitteleuropa 1688 ist diese Ahornart hier eines der am meisten gepflanzten Gehölze, beliebt als Parkbaum.

Studien der University of Minnesota in St Paul, USA, bestätigten die Giftigkeit des Eschen-Ahorns. Ein Abbauprodukt der Aminosäure Hypoglycin A, die in den Samen und auch in den Blättern und Keimblättern des Eschen-Ahorns vorkommt, führt zur irreversiblen Blockierung des Energiestoffwechsels aus Fettsäuren. Die Folge: Schädigung bzw. vollständige Zerstörung der Muskeln.

Da Eschen-Ahornbäume als Parkbäume eher selten auf Weiden vorkommen, sind sie als – zumindest alleiniger – Auslöser der Weidemyopathie wohl auszuschließen. Laut Tierseuchenkasse Sachsen  sollen die Keimblätter des Ahorns mit dem Wind bis zu 100 Meter weit getragen werden. Dies wird als Erklärung für diejenigen Fälle von Weidemyopathie herangezogen, in denen keine Ahornbäume in Weidenähe gefunden wurden.

Die veterinärmedizinische Universität Wien ermittelte nun allerdings auch das Vorkommen von Hypoglycin A in der Ahornart, die in Mitteleuropa am häufigsten vorkommt: dem Bergahorn (Acer pseudoplatanus).  Eine Dosis von 165-8000 Samen/Tag soll für Pferde tolerierbar sein – ein Ahornbaum trägt ca. 500 000 Samen. Hat ein Pferd richtig „Kohldampf“, weil es auf einer abgefressenen Weide lebt, wird es wohl zulangen, wo es nur kann!

Eine weitere These sieht einen Pilz, der sowohl Bergahorn als auch Spitzahorn und bisweilen andere Ahornarten befällt, und dessen Gift (Rhytisma acerinum) als mögliche Ursache an. Infizierte Blattpartien verfärben sich schwarz (Teerfleckenkrankheit). Das Laub fällt vermehrt nach Nachtfrösten und könnte die Pferde vergiften.

Für eine Mehrfaktorenerkrankung spricht folgende Vermutung: Auf Biss- und trittgeschädigten bzw. übernutzten Weiden erleiden die Pflanzen einen Nähstoffmangel. Darauf weidende Pferde, die nicht zugefüttert und mit Mineralstoffen versorgt werden, sind in diesem Fall ebenfalls vitamin- und mineralstoffunterversorgt. Daraus resultiert ein geschwächtes Immunsystem mit erhöhter Anfälligkeit für Giftstoffe im Allgemeinen (Pilzgifte, Bakteriengifte, Pflanzengifte), siehe auch http://www.tsk-sachsen.de/index.php/pferdegesundheit/193-wieder-auftreten-der-atypischen-weidemyopathie-in-sachsen).

Seit einigen Jahrzehnten kann man beobachten, dass immer mehr Wiesenkräuter verschwinden und aussterben, u.a. aufgrund agrarwirtschaftlicher Strukturentwicklungen,. Die Folge ist eine anhaltende Mangelernährung unserer Pferde. Diese wird vermeintlich kompensiert durch synthetische Mineralstoffmischungen und Fertigfuttermüslis mit wenig artgerechtem Inhalt. Ein eklatantes chronisches Ernährungsdefizit unserer Pferde mit entsprechender Schwächung der Abwehrkräfte kann daher nicht nur bei stark geschädigten, übernutzten Weiden auftreten! Diese verschärfen allerdings massiv die Gefahr, an Weidemyopathie zu erkranken.

Was nun, wenn die Ahornbäume gar nicht oder nur zum Teil Ursache der Weidemyopathie wären? Immerhin war bei den betroffenen Pferden auch durchgehend Deutsches Weidelgras auf den Weiden zu finden. In dieser Richtung wird nicht allzu viel geforscht. Saatgutproduktion und -vertrieb müssten sonst womöglich wirtschaftliche Verluste verzeichnen!

Welche Rolle spielt das Wetter?

Der Zusammenhang mit bestimmten Witterungsverhältnissen gilt als ziemlich sicher: Die Atypische Weidemyopathie tritt nach plötzlichem Wetterumschwung (Kälteeinbruch) auf, so die übereinstimmenden Beobachtungen. Insbesondere Dr. R. Vanselow verweist in ihrem Buch (Giftige Gräser auf Pferdeweiden – Westarp Wissenschaften, Bd.1, Hohenwarsleben 2011, S. 37 - siehe auch Wehrhafte Gräser) auf spezielle Anpassungsmechanismen der Gräser: Extreme Temperaturschwankungen im Tagesverlauf (hohe Temperaturen und Sonneneinstrahlung am Tage, nachts Bodenfrost) bedeuten für die Pflanzen grundsätzlich enormen Stress. Sie reagieren darauf nicht nur mit hohen Fruktangehalten, sondern immer auch mit der vermehrten Bildung von Giften. Auf den Weiden heißt das: hohe Giftkonzentrationen im Gras (siehe auch Risiko Pferdeweide)! Diese Bedingungen gelten besonders für Spätherbst und Frühjahr.

In der allgemeinen Literatur findet dieser Gesichtspunkt jedoch kaum Berücksichtigung. Der Forschungsschwerpunkt liegt eher bei den Ahorngiften. Sicherlich nicht ohne Grund …

Aber: In Deutschland gab es seit jeher Ahornbäume – Deutsches Weidelgras in diesem Ausmaß jedoch nicht!

Beispielsweise ist bekannt, dass Deutsches Weidelgras im Herbst oft sehr hohe Konzentrationen eines Nervengiftes (Lolitrem B) aufweist. Lolitrem B zählt zu den sog. Indolverbindungen (Endophyten). Abrupter Kälteeinbruch nach spätsommerlichem Herbst hat in Deutschland bei Weiderindern zu plötzlichen tödlichen Vergiftungen der Tiere geführt, dem sog. „fog fever“ (von foggage = Grummet, zweite Mahd), s. http://vfdnet.de/index.php/partner-pferd/gesundheit/466-Neue-20Forschungsergebnisse-20zur-20saisonalen-20Weidemyopathie-20bei-20Pferden-3F.

Die Ursache: Im Pansen der Rinder bilden Mikroorganismen eine dem Indol biochemisch ähnliche Substanz. Anzunehmen ist, dass dieses Stoffwechselprodukt aus Indolverbindungen des Deutschen Weidelgrases stammt. Da erscheint es nur logisch, einen möglichen (sehr schwerwiegenden) Auslöser der Atypischen Weidemyopathie beim Pferd gerade in diesen Lolitremen zu suchen!

Auch in einem weiteren Punkt ist die Landwirtschaft nicht unschuldig. Das großzügige Verbringen von Roundup (Totalherbizid mit Glyphosat als toxischem Wirkstoff) auf landwirtschaftlich genutzte Flächen führt zu entsprechender Belastung des Rinderfutters mit Glyphosat. Dieses schädigt nachweislich die Darmflora der Rinder, was zu starker Vermehrung des Bakteriums Clostridium botulinum führt. Dessen Toxine lösen den tödlichen Botulismus aus (Erläuterung der Universität Leipzig hier: http://www.zivilcourage.ro/pdf/Risiko-Glyphosat.pdf?PHPSESSID=2279daff3c22a4 )

Pferde wären dann unter Umständen genauso betroffen von diesem Glyphosat-Vergiftungs-Syndrom (diese Bezeichnung stammt von Prof. Dr. Lorenzen,  http://www.kritischer-agrarbericht.de/fileadmin/Daten-KAB/KAB-2013/Lorenzen.pdf): Auch Pferdeweiden werden möglicherweise mit Roundup behandelt – z. B. gegen Jakobs-Kreuzkraut! Analog würde auch im Heu die tödliche Gefahr schlummern.

Mit Ahornbäumen – egal welcher Spezies – hat das jedenfalls nicht im Entferntesten zu tun…

Dr. Frauke Garbers, Biologin

05.09.2017

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