Vergiftungen von Pferden durch Gräsergifte

... auch in Deutschland ein Thema

Industrielle Gras-Produktion

Vorbemerkungen zu diesem Artikel

Ganz herzlich begrüßen wir Frau Dr. Renate Vanselow, die einen ersten, hochbrisanten Text hier auf der Seite von artgerecht veröffentlicht. Er betrifft zuerst einmal Pferde, letztlich aber auch die Tierfresser, die ja vom Fleisch der Weidetiere leben. Frau Dr. Vanselow wird uns hoffentlich noch viele weitere Artikel liefern.

Sie beschreibt in ihrem kurzen Vorspann, wie es ihr mit der Veröffentlichung dieses Artikels zuvor ergangen ist. 

Pferdehalter wiegen sich mit den angebotenen Futtern, mit Wiesen und Weiden in Sicherheit, während ihnen doch auffallen müsste, dass immer häufiger gesundheitliche Schäden auftreten. Aus bunten Wiesen sind Grasäcker geworden, auf denen Masse produziert wird. Kritische Berichte über mögliche Ursachen für Erkrankungen sind offensichtlich wenig erwünscht. Man begründet die Zurückhaltung damit, man wolle die Menschen nicht verunsichern.

Wir von artgerecht sehen das ganz anders. Wir haben uns dazu verpflichtet aufzuklären, wir wollen die Verbraucher nicht vor Wissen schützen, sondern es vermitteln. Sie sollen umfangreiche Informationen bekommen, um selbständige und begründete Entscheidungen treffen zu können.

Ihre artgerecht-Redaktion

Am 2. Mai 2014 wurde ich gebeten, einen Artikel über Gräsergifte für das Mitteilungsblatt eines großen deutschen Pferdezuchtverbandes zu schreiben. Ich habe schon am nächsten Tag „geliefert“, bekam jedoch Tage später folgende Nachricht: „Wir haben uns nach Prüfung entschieden, Ihren Beitrag zunächst nicht zu veröffentlichen, da es für mich noch einigen fachlichen Klärungsbedarf gibt und ich eine mögliche Folge der Verunsicherung der Halter, Pferde auf die Weide zu lassen, auf jeden Fall verhindern möchte. Ich werde mich in dieser Woche mit Ihnen telefonisch in Verbindung setzen und hoffe auf Ihr Verständnis.“ 

Seitdem habe ich nichts mehr gehört. Ganz anders diese Zeitschrift, artgerecht: Hier ist mein Wissen willkommen, hier wird mir die Möglichkeit gegeben, die Pferdehalter zu informieren. Als Dankeschön habe ich den Text am Ende noch etwas erweitert, z.B. auf Tierfutter allgemein sowie Folgen für uns Menschen. 

Liebe Leser, bitte entscheiden Sie selber, ob Sie als Verbraucher vor zu viel Wissen geschützt werden müssen und wollen, oder ob Sie mündig genug sind, selbst zu entscheiden und die angegebene Fachliteratur zu prüfen.

Dr. rer. nat. Renate Vanselow, Diplom-Biologin

Gräsergifte – ein altes Thema 

Seit Ende der 1970er Jahre ist bekannt, warum unsere wichtigsten Wirtschaftsgräser weltweit, also das Deutsche Weidelgras (Lolium perenne) und der ebenfalls heimische Rohrschwingel (Festuca arundinacea), für Weidetiere extrem giftig werden können. Die Ursache der rein natürlichen giftigen Wirkstoffe ist eine Infektion mit einem Pilzpartner (Symbiont). Die Wirkstoffe sind wichtig für die Widerstandskraft (Resistenz) der Gräser zum Beispiel gegen Überweidung, Parasiten oder Dürre. Pferde reagieren empfindlicher auf die Gifte als Wiederkäuer (Vanselow 2011 a,b).

Bisher galten die günstigen Wachstumsbedingungen in Deutschland als Garant dafür, dass hier nicht mit Vergiftungen zu rechnen sei (Paul 2000). Pferdehalter beobachten jedoch seit Jahren zunehmend Probleme bei ihren Pferden, die sich mit den beschriebenen Vergiftungssymptomen weltweit decken.

Endophyten – verborgene Dienstleister der Gräser

Unsere Futtergräser bedienen sich sogenannter Endophyten, um besondere Fähigkeiten zu erwerben. „Endo“ ist griechisch und bedeutet innerhalb, das ebenfalls griechische „phytos“ bedeutet Pflanze. Endophyten sind also Organismen, die innerhalb einer Pflanze leben, hier pilzliche Mikroorganismen. Die von außen völlig unsichtbaren Partner unserer Wirtschaftsgräser gehören zur Pilzgattung Neotyphodium, die den Mutterkornpilzen sehr nahe verwandt ist. Sie leben zwischen den Pflanzenzellen im Graskörper. Die Pilze dringen in die Samenkörner ihrer Wirtspflanze ein, um sich mit dem Wirt zusammen zu verbreiten, denn sie haben eine Vermehrung ohne ihren Wirt vollständig aufgegeben und können sich nicht selbständig über Pilzsporen vermehren. Daher werden sie mit dem (Zucht-) Saatgut ausgebracht. Zudem können Pflanzensaft saugende Insekten wie Getreide-Blattläuse die Endophyten der Gräser beim Saugakt verbreiten (Dobrindt et al. 2009). Keineswegs sind alle Endophyten in der Lage, Gifte zu produzieren (Reinholz 2000).

Gezielte Verschiebungen im sensiblen Gleichgewicht der Graslandschaft

Endophyten können völlig harmlos sein. Entscheidend ist vielmehr, ob eine Selektion auf widerstandsfähige Gräser mit besonderen Eigenschaften stattgefunden hat (Müller & Krauss 2005), unbeabsichtigt durch rücksichtslose Überweidung oder durch gezielte züchterische Selektion. Endophyten, die Gifte bilden können, tun dies nur zu bestimmten Zeiten, insbesondere wenn ihr Wirtsgras unter Stress (u.a. Fraß, Dürre, Nährstoffmangel) leidet. Beweidung steigert nachweislich den Infektionsgrad von Gräsern mit giftigen Endophyten (Dahl Jensen & Roulund 2004, McCluskey et al. 1999). Das Ökosystem Graslandschaft zwingt so die großen Herden zur Abwanderung und Schonung ihrer Futtergrundlage (Ball et al. 1991, Vanselow 2010). Zäune sind in der Natur nicht vorgesehen. 

Die Gifte stellen eine natürliche Form der Geburtenkontrolle und der Kontrolle der Herdengrößen dar (Putnam et al. 1991, Vanselow 2011 a). Zudem sind große Raubtiere als natürliche Gesundheitspolizei dafür zuständig, dass alle kranken Tiere herausgefangen und an der Fortpflanzung gehindert werden.

Pflanzliche Halbparasiten wie der Klappertopf (Rhinanthus) können dagegen den Infektionsgrad mit gefährlichen Endophyten zurückdrängen (Cheplick & Faeth 2009). Sie stellen somit in artenreichen, naturnahen Weidelandschaften einen Schutz der Futtergrundlage vor giftigen Gräsern dar. Klappertöpfe klauen ihren Wirtsgräsern über das Wurzelwerk Wasser, Nährstoffe, Assimilate und die wertvollen Wirkstoffe gegen Stress. Man findet in ihnen andere Wirkstoffe als in den Gräsern, sie gelten als wenig giftig. Klappertopf wird weder frisch noch im Heu gefressen.

Wie äußern sich Vergiftungen durch Gräser-Endophyten bei Pferden?

Endophyten der Pilzgattung Neotyphodium bilden ein reiches Sortiment unterschiedlichster, dem Mutterkorngift verwandter Substanzen, das je nach Stresssituation äußerst variabel ist. Je nach Witterung, Nutzung und Pflege kann also ein und dieselbe Futtergrasfläche ein hochwertiges Futter geben oder aber unterschiedliche schwere Vergiftungen verursachen. Dabei treten die qualitativen Veränderungen der Gräser innerhalb von kurzer Zeit (Wochen, selten innerhalb von Tagen) ein (Kallenbach et al. 2003). Dieser variable Cocktail führt zu sehr unterschiedlichen Symptomen, deren Ursache zumeist nicht erkannt wird. Bisher unterscheidet man vor allem folgende Vergiftungen:

Mutterkornvergiftung („Antoniusfeuer“)

u.a. durch das Endophytengift Ergovalin (Weidelgräser, Schwingel): Diese Vergiftung ist derart vielgestaltig, dass Strickland 2011 ausdrücklich darauf hinweist, dass sie nur selten erkannt wird. Nutztiere zeigen u.a. Schwellungen an Fesselgelenken und Kronsäumen, Durchblutungsstörungen und Entzündungen bis hin zum Absterben von Gliedmaßen, Laminitis bis zum kompletten Ausschuhen der Hornkapseln, vermehrtes Schwitzen und Atmen sowie „Konditionsverlust“, „Schwerfuttrigkeit“, massives Speicheln, ggf. Kolik durch Darmschäden, rauhes Fell, gestörter Mineral- und Hormonhaushalt und dadurch allgemein gestörte Körperfunktionen. Beim Rind gelten Hirsutismus (Hoveland 2003), Abmagerung und Laminitis (Yoder & Fournier 2002) als Symptome der (chronischen) Ergovalinvergiftung.

Lezica konnte 2009 Vergiftungen bei englischen Vollblut- Zuchtpferden auf eine Verunreinigung der Weiden mit infiziertem Deutschem Weidelgras zurück führen. Die Zuchtstuten zeigten eine verlängerte Tragzeit, Embryonalverluste, schwerste Geburtskomplikationen, schwache Euterentwicklung, geringe Milchleistung, schlechte Kolostralqualität, verzögerte Uterusinvolution, unterdrückte ovarielle Aktivität. Die geborenen Fohlen zeigten u.a. fehlenden initialen Atemreflex, Haut- und Nabelveränderungen, Sehnenverkürzungen, Fehlstellungen, Blindheit, Entwicklungsstörungen, testikuläre Atrophie und reduzierte Serum- Immunglobulingehalte.

Mutterkorngifte sind stark halluzinogen und unterliegen dem Drogengesetz. Ihr Abbauprodukt, die Lysergsäure, ist dem LSD (Lysergsäure-diäthylamid) direkt verwandt und wird über den Urin ausgeschieden. Mutterkorngifte werden in (Fett-) Geweben gespeichert bzw. gepuffert, was speziell bei auf Diät gestellten Tieren bei giftfreiem Futter zur Selbstvergiftung führen kann (Realini et al. 2005).

Weidegras-Taumelkrankheit (ryegrass staggers)

durch Lolitrem B (Weidelgräser): u.a. Lähmungen und Nervenstörungen von Zittern der Vorderhand und nicht enden wollendem „Fliegen-Abwehr-Schütteln“ an der Schulter, auch head shaking (Bohnert & Merill 2006, Bhusari 2006) über Krämpfe bis hin zu totaler Tetanie mit muskuloskeletalem Kollaps. Nach Abdecken der Augen des Pferdes durch ein dunkles Tuch treten die Lähmungen in der Bewegung sichtbarer hervor (Johnstone et al. 2012). Extreme Schreckhaftigkeit und Desorientierung werden beobachtet (Munday et al. 1985). Koliken können durch eine drastische und mit Medikamenten kaum ansprechbare Lähmung des Verdauungstraktes auftreten (Reed 2002).  Die Leberwerte können verändert sein. Die Erholung bei Futterumstellung tritt zumeist innerhalb von zwei bis drei Tagen ein.

Equines Schwingelödem

durch Lolin (Schwingel und Weidelgräser): Diese Vergiftung, verursacht durch patentierte Zucht-Endophyten für Futtergräser, wurde erstmals 2009 von Bourke beschrieben. Sie äußert sich u.a. in Benommenheit und deutlich sichtbaren Ödemen vor allem am Kopf des Pferdes, insbesondere an Nüstern, Lippen, Augenliedern, Ganaschen und Ohrspeicheldrüsen, aber auch an der Scheide, am Hals und am Rumpf. Im Blutbild fällt kurz (Minuten bis Stunden!) nach der Vergiftung ein dramatisch erniedrigter Gesamteiweißgehalt auf, wobei speziell das Albumin extrem erniedrigt ist. Tödliche Koliken sind möglich durch von außen nicht sichtbare Ödeme am Darm mit Darmverschluß. Unfruchtbarkeit von Stuten ist möglich durch Ödeme an der Gebärmutter.

Leberschäden

durch ungesättigte Pyrrolizidinalkaloide (Schwingel, Weidelgräser): Allgemein Vergiftungssymptome mit deutlich veränderten Leberwerten (Arthur 2002).

Auf was für Konzentrationen reagieren Weidetiere mit Vergiftungssymptomen?

Die folgende Tabelle (Tab. 1) gibt die Schwellenwerte für Vergiftungen von Pferden, Rindern und Schafen durch die Gräsergifte Ergovalin und Lolitrem B an. Die Messeinheit ppb bedeutet parts per billion, also billionstel Teil Verdünnung oder anschaulich: Milligramm Gift pro Tonne Futter.

Gift

Symptome Pferd

      Pferd

Symptome Rind

Symptome Schaf

subklinisch klinisch klinisch klinisch
Lolitrem B [ppb] > 800 > 1.200 1.800 - 2.000 1.800 - 2.000
Ergovalin [ppb] > 150 * > 300 * 400 - 750 500 - 800

Tab. 1: Schwellenwerte der Gifte Ergovalin und Lolitrem B für verschiedene Weidetiere, aus VANSELOW 2011. * Bei trächtigen Stuten sollte nach amerikanischer Literatur der Schwellenwert 60-90 Tage vor dem Geburtstermin 0 ppb betragen. Aus ökologischer Sicht ist das nicht realistisch.

Was für Gift-Konzentrationen sind in Gräsern in Deutschland zu erwarten?

Im Jahr 2000 wurde die Doktorarbeit von Johannes Reinholz über Lolitrem B in Deutschem Weidelgras an der Universität Paderborn veröffentlicht. Er fasst zusammen:

„Die Ergebnisse der Freilandversuche belegen, dass es in Deutschland zum Ausbruch der Weidetiererkrankung „ryegrass staggers“ kommen kann. Die gefundenen Lolitrem B-Gehalte reichen aus, um die neuromuskuläre Tiererkrankung auszulösen. Zudem ist davon auszugehen, dass auch geringere Alkaloidgehalte zu einer Beeinträchtigung der tierischen Leistung der Weidetiere führen. Momentan ist in Deutschland nur selten mit dem Ausbruch der Weidetiererkrankung „ryegrass staggers“ zu rechnen, da, wie die Untersuchungen zum Auftreten des Pilzes in L. perenne-Sorten zeigen, die europäischen Sorten nur selten und gering mit dem Pilz N. lolii besiedelt sind. Jedoch ist bei der zur Zeit vollzogenen Globalisierung der Märkte und Unternehmen damit zu rechnen, dass höher besiedelte L. perenne-Sorten auf den deutschen Markt gelangen und auch angebaut werden. Somit kann es auch in Deutschland zum toxikologischen Problem der neotyphodiumbesiedelten Gräser kommen.“

Bei Weidetieren denkt Reinholz hier an Rinder. Da bereits Lolitrem B- Konzentrationen von 200 ppb die Milchleistung der Kuh um 12% verringern (Reed 1999 b), ist die Schlussfolgerung von Reinholz berechtigt.

Unerwartet hohe Ergovalin-Gehalte von bis zu 21.200 ppb ergaben Messungen an dänischen Rohrschwingeln. Die Autoren (Dahl Jensen et al. 2007) äußerten im Jahr 2007 ihr Erstaunen über die extrem hohen Giftgehalte und wunderten sich, dass in Dänemark schwerste Vergiftungen nicht bekannt seien. Wie jedoch sollen Tierärzte Vergiftungen diagnostizieren, die ihnen nicht bekannt sind? Mit den Mutterkorngiften in deutschen Futtergräsern durch echtes Mutterkorn und durch Endophyten der Gattung Neotyphodium setzte sich Jasmin Riemel in ihrer Doktorarbeit auseinander. Die folgende Tabelle (Tab. 2) fasst die Messergebnisse dieser Arbeit aus dem Jahr 2012 übersichtlich zusammen:

Gesamt-Ergotalkaloidgehalt Deutsches Weidelgras Rohrschwingel
Mittelwert [ppb] 500 100
Minimum [ppb] 40 40
Maximum [ppb] 28.600 7.500

Tab. 2: Mutterkorngiftgehalte (Ergotalkaloide) in deutschen Futtergräsern, überwiegend aus dem Raum NRW. Messergebnisse aus der Doktorarbeit von Jasmin Riemel an der Uni Gießen im Jahr 2012

Am Lehrstuhl für Milchwissenschaften am Institut für Tiermedizin und Tierernährung der Justus- Liebig- Universität in Gießen kann neben dem Gesamt- Ergotalkaloidgehalt seit 2013 auch speziell auf Ergovalin untersucht werden. Die Messergebnisse von Frau Riemel zeigen, dass ein Vielfaches dessen gefunden wurde, was zu schweren Vergiftungen bei Weidetieren führen kann: Beim Pferd war wie oben beschrieben ab 150 ppb Ergovalin im Futter mit Vergiftungen, insbesondere mit Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit zu rechnen (Smith et al. 2009). Fütterungsversuche mit dreijährigen Quarter Horses, die 2012 veröffentlicht wurden (Douthit et al. 2012), zeigten, dass 280 ppb Ergovalin nach wenigen Wochen zu Fühligkeit und Lahmheit an den Vorderbeinen führt. Die Autoren empfehlen, Pferde auf Flächen mit erhöhten Giftgehalten täglich nur stundenweise grasen zu lassen, da das Ausmaß der Lahmheit deutlich war.

Zuchtfortschritt?

Wollen wir wirklich unkaputtbares, immer grünes Gras, das um jeden Preis vital und widerstandsfähig ist? Das ist der Traum jedes Zierrasen-Liebhabers. Ein Supergras? Oder doch eher ein Super-Ungras? Was ist, wenn Weidetiere in dieses Gras beißen?  

Das Endophyte Service Laboratory in Corvallis, USA, beschreibt in einer im Internet veröffentlichten Präsentation die drei gefährlichsten Giftpflanzen auf Grasländern des pazifischen Nordwestens der USA. Sie stellen dabei das Jakobs- Kreuzkraut (Senecio jacobaea, Tansy Ragwort) in seiner Giftigkeit auf eine Stufe mit dem Rohrschwingel (Festuca arundinacea, Tall Fescue) und dem Deutschen Weidelgras (Lolium perenne, Perennial Ryegrass).

Das deutsche Tierschutzgesetz besagt in § 3: „Es ist verboten (…) 10. einem Tier Futter darzureichen, das dem Tier erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden bereitet, (…).“ Können wir auf Giftigkeit gezüchtete Endophyten und infizierte Gräser kontrollieren und Schäden für unsere Landwirtschaft verhindern?  

Pferde sind Grasfresser. Eine artgerechte Pferdehaltung ohne Gras, frisch oder wie auch immer konserviert, ist schwer vorstellbar. Wer Pferde artgerecht halten will, muss die Futtergrundlage dieser Tiere verteidigen. Wie wirkungsvoll Endophyten ihre Gräser gegen Fraßfeinde verteidigen können, demonstriert anschaulich die neueste Züchtung für den Einsatz auf internationalen Flughäfen: AvanexTM aus Rohrschwingel oder Deutschem Weidelgras konnte im Vergleich zu Gräsern, die mit Endophyten im Wildtyp infiziert waren, im Mittel über 12 Monate die Vogelzahl um 87% reduzieren, die oberirdische Anzahl an Insekten um 69 % und unterirdisch sogar um 88% reduzieren. Eine Tatsache, die nicht nur Flughafenbetreiber, sondern auch Sportrasenbesitzer aufhorchen lassen dürfte, auf deren Flächen Maulwurfshaufen unerwünscht sind. Aus Sicht von Pflanzensaft saugenden Insekten wie Getreideblattläusen, die Endophyten übertragen (Dobrindt et al. 2009), sind Flughäfen das Tor zur Welt: Der Weg ins Flugzeug, um als blinder Passagier an andere Orte und sogar auf andere Kontinente zu gelangen, ist nicht weit.

Wie sicher sind unsere Futtergrasflächen?

In den USA wird längst auf Nutztierlinien (Rinder, Schafe) gezüchtet, die gegenüber den steigenden Gehalten an Gräsergiften besonders widerstandsfähig sind (Arthur 2002). Dazu bedient man sich einer Substanz, die zum Einschläfern von Tieren verwendet wird, denn der Abbau dieses Giftes, des Barbiturats, geht einher mit der Fähigkeit, hohe Gehalte an Gräsergiften abbauen zu können. Die Master-Arbeit von Kimberly Arthur aus dem Jahr 2002 stellt die Selektion der Nutztiere dar und zeigt die Abbauwege und Wirkungen der Gifte in den Tieren auf. 

Müssen die nicht angepassten Sportpferde in Zukunft ganz runter vom Gras? Statt den wachsenden Handel mit Giftbindemitteln weiter anzukurbeln, wird es Zeit, dass wir Pferdehalter die Futtergrundlage unserer Tiere verteidigen und schützen, wenn wir auch in Zukunft Pferde noch artgerecht im Freien als Grasfresser halten wollen.

Total bekifft - wenn Pferde tagelang Komaschlafen

Aus den großen Steppen kennt man Steppengräser, die dafür berüchtigt sind, Pferde zu betäuben. Die Rede ist vom Sleepy Grass (Achnatherum robustum, Nord-Amerika) und dem Drunken Horse Grass (Achnatherum inebrians, Asien) bzw. dem Dronk Gras (Melica decumbens, Süd-Afrika). Hier sind Endophyten der Gattung Neotyphodium Schuld, die einen Wirkstoff namens Ergin, bekannter unter seinem Namen Lysergsäureamid, bilden.

Schon die Aufnahme geringer Mengen dieses Wirkstoffes können beim Pferd zu einem bis zu drei Tage anhaltenden Schlaf führen. Erfahrene Pferde rühren Gräser mit diesem Fraßabwehrstoff gar nicht erst an. Lysergsäureamid ist eine berühmte Substanz: Der Ethnobotaniker Richard Schultes berichtete Ende der 1930er aus Zentralamerika über Samen von (Prunk-)Windengewächsen, die von den Indianern zum ritualisierten Rausch verwendet wurden. Heute wissen wir: Diese Windengewächse leben zusammen mit Endophyten der Gattung Periglandula. Genau wie Neotyphodium gehören diese Endophyten zur Verwandtschaft der Mutterkornpilze und produzieren entsprechende Gifte. Zwei Jahrzehnte später beschäftigte sich Albert Hofmann mit diesen Ritualpflanzen der Indianer aus medizinischen Gründen und konnte daraus Lysergsäureamid isolieren. Dann versuchte er diese Substanz synthetisch herzustellen. Es entstand Lysergsäurediäthylamid – uns besser bekannt unter seiner Abkürzung LSD.

Tatsächlich können auch die Endophyten, die das Deutsche Weidelgras (Lolium perenne) infizieren, Lysergsäureamid produzieren (Potter et al. 2008). Wenn Sie Ihr Pferd also bekifft von der Weide holen, dann hat es vielleicht einfach nur ins Gras gebissen.

Fettlösliche Gifte – da war doch was …

In den USA traten immer wieder Ergovalinvergiftungen bei Rindern im Winter auf, wenn die Tiere giftfreies Futter fraßen und den Sommerspeck abbauten. Tatsächlich fanden sich im Fettgewebe der Rinder Spuren von Ergovalin (Realini et al. 2005), die aber offensichtlich ausreichten, um bei Freisetzung durch Fettabbau zur Selbstvergiftung des Tieres zu führen. Bei fettlöslichen Giften sollte bei uns was klingeln. Bei diesen Giften besteht grundsätzlich die Gefahr, dass sie die Blut-Hirn-Schranke überwinden könnten. Da Mutterkorngifte sehr speziell auf Nerven einwirken und interessante Beziehungen zu Botenstoffen wie Serotonin und Dopamin haben (Strickland et al. 2011), ist dieser Punkt umso bemerkenswerter. Gleichzeitig entgiften Säugetiere über die Milch. Es treten nur Spuren der Gifte in Milch auf, weil der Hauptabbauweg der Substanzen über die Galle geht. 

Da jedoch bereits Spuren dieser hochwirksamen Substanzen zu Vergiftungen führen können, stellt sich die Frage nach der Verunreinigung von Lebensmitteln und Tierfuttermitteln für Hunde, Katzen, Geflügel, Schweine & Co. Allergiker könnten hier als empfindlichstes Glied den Hinweis auf Verunreinigungen geben.

Getreide sind auch nur Gräser

Auch Getreide sind Gräser. Auch Getreide sind von Endophyten besiedelt. Allerdings hat die Pflanzenzucht sich diesen Symbionten bisher nicht bewusst zugewandt. Zwar wurde auf Resistenzen gezüchtet und in den Getreiden finden sich Endophyten, man hat diese aber nicht gezielt ausgewählt. Nachdem die Zucht von Futtergräsern auf Resistenzen mit Hilfe ihrer Endophyten so erfolgreich war, soll sich das nun ändern: Unsere Getreide sollen durch Infektion mit ausgewählten Endophyten für die Ernährung der Weltbevölkerung und den Klimawandel fit gemacht werden (O´Hanlon et al. 2012).

Die Endophyten besiedeln im Grassamen vor allem die Aleuronschicht, also die wertvolle Außenschicht des Getreidekorns, die dem Vollkorn seine Vorzüge vor Auszugsmehl verleihen. Ist es klug, unsere Nahrungspflanzen mit Hilfe dieser natürlichen Abwehrmechanismen vor Schadpilzen und Insektenplagen zu schützen? Haben wir diese Zusammenhänge tatsächlich im Griff? Gerade im Ökolandbau sind resistente Nutzpflanzen wichtig, da nicht gespritzt wird und die Pflanzen sich mit natürlichen Wirkstoffen helfen sollen. Das oben beschriebene und nachgewiesene Schwingelödem der Pferde (Bourke et al. 2009) wurde in Australien verursacht durch Zucht-Rohrschwingel, die mit einem patentierten Zucht-Endophyten gezielt infiziert worden waren. Während Rinder und Schafe mit dem erwünschten Gift Lolin dieses patentierten Endophyten keine Probleme hatten, zeigte sich, dass Pferde erkrankten, einige starben.

Wir sollten bedenken, dass es sich bei diesen Substanzen um Fraßabwehrstoffe handelt. Wie erfolgreich diese Stoffe im Vergraulen weidender Gänse sind, die im Gegensatz zu eingezäunten Pferden einfach auf eine andere Fläche fliegen können, sowie im Abschrecken aller anderen Mitbewohner wie Kaninchen, Insekten, Mäusen, Singvögeln oder Raubtieren, haben wir beim Zuchtgras „Avanex“ für Flughäfen gesehen.

Es geht aber auch noch deutlicher: Die Futterpflanzen von Antilopen in Süd-Afrika sind Akazien. Zäunt man die Antilopen ein und hindert sie ggf. an der Abwanderung, dann bringt die Futterpflanze die Antilopen um, bis die Besiedlungsdichte wieder stimmt (Hughes 1990). Die Futterpflanzen skandinavischer Lemminge (hamsterähnlicher Nagetiere) sind wilde Wollgräser und Seggen. Werden diese Gräser ständig intensiv verbissen, dann bringen sie die Lemminge um (Seldal et al. 1994) bzw. erzwingen eine massenhafte Abwanderung der Tiere, die oft in einen Massenselbstmord führt, weil sich die verhungernden, aggressiven Lemminge zu Tausenden in Flüsse oder von Klippen stürzen. 

Unsere Vorfahren haben sorgsam Nutzpflanzen gezüchtet, die geringe Mengen an Fraßabwehrstoffen enthielten. Im Vergleich zur wilden Wegwarte ist ihre Zuchtform, der Chicorée, fade, da arm an (fraßabwehrenden) Bitterstoffen. Nun wollen wir bewusst das Gegenteil tun. 

Mutterkorn hat seinen Namen durch seine Verwendung als Verhütungs- und Abtreibungsmittel nicht erst seit dem Mittelalter. Die Frauen, die über das Wissen verfügten und es weitergaben, wurden nicht selten als (Kräuter-) Hexen verbrannt. Das Problem der Überbevölkerung der Erde wäre mit speziellem Zuchtsaatgut wohl ganz einfach zu lösen – durch den Verkauf des richtigen Saatguts, ganz natürlich und ohne jegliches Kondom. Zwar versucht man, über gentechnische Veränderung der Zuchtendophyten deren Ergotalkaloid-Synthese, also die Herstellung der gefährlichen Mutterkorngifte, auszuschalten (Potter et al. 2008), aber haben wir diese für uns nicht sichtbaren Helferchen wirklich im Griff? Oder stehen wir irgendwann wie Goethes Zauberlehrling im Chaos, das wir selber gerufen haben? Wovon ernähren wir uns und unsere Tiere dann?

Dr. Renate Vanselow,  Diplom-Biologin

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Literatur

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03.02.2018

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